StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 1.2017

Kategorie: Thema
Stichwort: Durch die Stadt, Irene Franken, Alternative Ehrenbürgerschaft

Revolution an den Rändern

Irene Franken, Gründerin des Frauengeschichtsvereins, wird Alternative Ehrenbürgerin


Sorgt auch für neue Straßenschilder — Historikerin Irene Franken, Foto: Manfred Wegener

Irene Franken langweilt sich schnell. Deswegen, so sagt sie, sei sie Historikerin geworden: Da gebe es immer etwas Neues zu entdecken. Seit mehr als dreißig Jahren erforscht Franken Leben und Schaffen von Frauen in Köln. Sie durchforstet Archive, sammelt in dem von ihr mitbegründeten Frauengeschichtsverein Zeitdokumente — und veröffentlicht Biografien bedeutender Unternehmerinnen, vermeintlicher Hexen und von Frauenrechtlerinnen.

 

Für ihr Engagement wird Irene Franken im Januar mit der »Alternativen Kölner Ehrenbürgerschaft« ausgezeichnet. Sie habe, so heißt es in der Begründung des Bürgerkomitees, »zahlreiche Kölnerinnen und Rheinländerinnen der Vergessenheit entrissen und ihre Bedeutung für Stadt und Geschichte dokumentiert.« Am 8. Januar findet im Gürzenich die Verleihung statt. Die Laudatio wird die langjährige Mitarbeiterin des größten deutschen Archivs für die Neue Frauenbewegung in Kassel, Kerstin Wolff, halten.

 

»Die Alternative Ehrenbürgerschaft sollte von Anfang an auch eine Form des Protestes sein«, sagt der Stadthistoriker Martin Stankowski. Er ist Mitglied des Bürgerkomitees, dem zahlreichen bekannten Kölner angehören, darunter der Kabarettist Jürgen Becker, der Enthüllungs-Journalist Günter Wallraff sowie die Schriftstellerin Elke Heidenreich. »Als 2002 der Unternehmer Alfred Neven DuMont die Ehrenbürgerschaft vom Rat der Stadt verliehen bekam, beschlossen wir ein Zeichen zu setzen«, sagt Stankowski. Gegen die Borniertheit, mit der von den Stadtobersten Medaillen verteilt wurden, so Stankowski — und um jene zu ehren, denen Köln zahlreiche soziale und kulturelle Projekte zu verdanken hat.

 

Als erster Alternativer Ehrenbürger wurde Pfarrer Franz Meurer geehrt. Der »Don Camillo von Vingst«, wie ihn einige nennen, fiel wegen seiner unkonventionellen Methoden der Nächstenliebe auf: In einer Sonntagsmesse sammelte er eine Kollekte für den Bau der Großmoschee in Ehrenfeld, verteilte Kondome und musste vor Gericht erscheinen, weil er Plakate der rechtsextremen Bürgerbewegung Pro NRW abgerissen hatte. »2006 haben wir die Alternative Ehrenbürgerschaft dann an den Kölner Künstler Günther Demnig verliehen, der mit den Stolpersteinen das weltweit größte dezentrale Mahnmal gegen den Nationalsozialismus ins Leben rief«, erzählt Stankowski. Fünf Jahre später wurden die Verlegerin Hedwig Neven DuMont und Kurt Holl, Gründer des Rom e.V., für ihr soziales Engagement für Sinti und Roma ausgezeichnet.

 

»Irene Franken hat die Geschichtsschreibung in Köln von den Rändern her revolutioniert«, sagt Martin Stankowski. Er spielt damit darauf an, dass Frauen jahrhundertelang aus dem Fokus der Geschichtswissenschaften verbannt wurden. Frankens Karriere als feministische Kölner Stadtschreiberin begann Anfang der 80er Jahre: Unter dem Titel »Frau Doktor Faustus meets Agrippina« durchstöberte sie mit der befreundeten Diplom-Pädagogin Gwen Edith Kiesewalter Archive und Bibliotheken. »Wir wollten die Geschichte von Frauen sichtbar machen«, sagt Franken heute. Im Frühjahr 1985 trugen Franken und Kiesewalter ihre Recherchen bei einer frauengeschichtlichen Stadtführung erstmals auf die Straße. »Die Tour war damals ein Novum im doppelten Sinne«, erinnert sich Franken. Zum Einen, weil erstmals Frauen im Mittelpunkt der Geschichtsforschung standen, zum Anderen, weil es bis dahin keine Stadtführungen zu sozialgeschichtlichen Themen gegeben hatte.

 

Ein knappes Jahr später, 1986, gründeten Franken und ihre Mitstreiterinnen dann den Frauengeschichtsverein, der heute neben einer großen Bibliothek auch zahlreiche historische Dokumente beherbergt. »Wir arbeiten gerade an der Digitalisierung von Plakaten, Flyern und Berichten zur Neuen Frauenbewegung«, sagt Franken. Ihr sei wichtig, auch junge Menschen für die geschichtliche Aufarbeitung zu begeistern. »Mit dem Aufkommen der Geschichtswerkstatt-Bewegung fing alles an«, sagt Franken. »Aber auch heute gibt
es noch vieles, was unentdeckt geblieben ist. Wir wollen Frauen ihre historische Identität zurück­geben, sie haben ein Recht auf ihre Geschichte.«

 

Doch Franken traf auch auf Widerstand. Als sie Mitte der 80er Jahre die Umbenennung der Seidenmachergasse in »Seidenmacherinnengasse« beantragte, löste sie eine Kontroverse in Köln aus. Erst als Franken nachweisen konnte, dass die mittelalterliche Zunft keine männlichen Mitglieder hatte, kam die Stadt ihrer Aufforderung nach. Auch andere Platz- und Straßenbenennungen gehen auf Vorschläge Frankens zurück, so im Rheinauhafen, wo nun die Namen des Allround-Genies Anna Maria van Schürmann, der Verlegerin Katharina Schauberg oder der Goldschmiedin Elisabeth Treskow auf Straßenschildern stehen.

 

Wie der Stadtplan aussähe, hätte es Frankens Initiativen nicht gegeben? »Ganz anders«, erklärt Martin Stankowski. »Mit ihrer Arbeit hat Irene Franken Spuren hinterlassen — und die sind in der ganzen Stadt sichtbar.«

 

Alternative Ehrenbürgerschaft
08.01.2017, »Die Hälfte des Himmels« — Verleihung der vierten Alternativen Kölner Ehrenbürgerschaft an Irene Franken, Gürzenich, Kleiner Saal, 11 Uhr. Eintritt frei.

 

 


Von: Philippa Schindler
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