StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 1.2017

Kategorie: Kommentar, Kommunal, Politik
Stichwort:

Polizeikessel statt Party

Kommentar: Mehrere hundert Menschen mit Migrationshintergrund verbringen Silvester im Polizeikessel. Der Vorwurf des »racial profiling« ist berechtigt


Gut eingepackt: Polizisten blicken von der Domtreppe auf den Polizeikessel vor dem Bahnhof (Foto: S.Weiermann)

Als ich an Silvester nachmittags nach Köln fuhr, erwartete ich einen sehr langweiligen Arbeitstag: ein bisschen Lichtkunst ansehen und hören, was die Oberbürgermeisterin, der Polizeipräsident und der Innenminister über die friedlichen und bunten Feiern zu erzählen haben. Von den 1500 Polizisten hatte ich erwartet, dass sie zwar omnipräsent sein würden, aber auch dass ihr Abend ebenso langweilig wie meiner sein würde.

 

 

Gegen 18 Uhr kam ich in Köln an, vor dem Hauptbahnhof wurde eine kleine Gruppe von jungen Männern mit Migrationshintergrund von Polizisten überprüft. Dass so etwas nach den Ereignissen des letzten Jahres passiert, verwunderte mich nicht. Ich bin dann erstmal ein wenig spazieren gegangen. Überall sah ich Polizisten, die offensichtlich wenig zu tun hatten. Die Innenstadt wirkte auf mich wie eine Hochsicherheitszone – nur dass der konkrete Anlass für die staatliche Machtdemonstration fehlte. Aber gut, man musste wohl Präsenz zeigen.

 

 

Gegen 21 Uhr änderte sich am Hauptbahnhof das Bild vom langweiligen und unspektakulären Einsatz. Bereitschaftspolizisten zogen eine Kette, im Bahnhof wurden die Anreisenden sortiert. Wer schwarze Haare und eine dunkle Hautfarbe hatte, musste den Bahnhof durch die Tür neben dem Bodyshop verlassen und fand sich draußen in einem Polizeikessel wieder. Die Polizei twitterte, sie würde nun hunderte »Nafris« kontrollieren – in ihrem Jargon sind das »Nordafrikanische Intensivtäter«. Welche Taten die Menschen im Polizeikessel begangen haben sollen und nach welchen Kriterien sie ausgewählt wurden, konnte Polizeipräsident Jürgen Mathies auch am Neujahrstag nicht erklären. Stattdessen sprach er von 1000 »fahndungsrelevanten Personen«, die sich auf den Weg nach Köln gemacht hatten. Den Vorwurf, »Racial Profiling« betrieben zu haben, wies der Polizeipräsident von sich.

 

 

Vor dem Bahnhof, dahinter und in Deutz kontrollierte die Polizei nach meiner Beobachtung allerdings nur nach Hautfarbe. Für 1080 Menschen endete die Silvesterparty direkt an den Bahnhöfen. Sie erhielten Platzverweise und wurden in Züge gesetzt.

 

 

Am Silvesterabend habe ich massenhaft rassistisch motivierte Kontrollen gesehen. Während ein multikultureller Chor vor dem Dom „We are the World“ trällerte, standen hunderte Menschen bei Kälte auf dem Bahnhofsvorplatz und auf dem Breslauer Platz in Polizeikesseln. Der Silvesterabend ist friedlich geblieben – ob von den Eingekesselten eine reale Gefahr ausgegangen wäre, wird man nicht feststellen können. Dass die Polizei für ihre Maßnahmen allerdings von AfD-Funktionären und Pegida-Anhängern beglückwünscht wird, sollte ihr zu denken geben.

 

 


Von: Sebastian Weiermann
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3 Kommentare

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Jan bauer schrieb am 03.01.2017 11:08 answer

Guter Artikel, gut beobachtet. Wer nach Hautfarbe selektiert ist rassistisch - denn nichts anderes sagt Rassismus. Aber dafür ist die Polizei bekannt. Es fehlt einfach eine gute Ausbildung.

julian schrieb am 01.01.2017 20:10 answer

Ich habe zu Köln mittlerweile viele Artikel gelesen, aber dieser hier ist ja wohl das schlimmste. Der Autor bezeichnet einerseits Köln an langweilig und andererseits die Polizei als Rassisten. Das ist doch kein Bericht, das ist Hetze gegen die Polizei die hier verbreitet wird. Ich war ebenfalls mit Freunden auf der Dom Platte und die Stimmung war gut und auch sicher. Von den hier beschriebenen Ereignissen, kann ich nur sagen, ja es wurden Personen eingekesselt von der Polizei, aber es war nicht so wie der Autor dieses Beschreibt. Es waren Deutsche und auch Migranten darunter welche von der Polizei kontrolliert wurden. Das die Polizei nach Hautfarbe kontrollierte ist absoluter Blödsinn. Der Autor hatte wohl das ein oder andere Kölsch zu viel.

Michael Chlodwig schrieb am 01.01.2017 19:21 answer

(at) Glückwünsche von AfD-Funktionären und Pegida-Anhängern: Zugegeben: ich war nicht vor Ort, kann also Ihr Bild nicht mit meinem abgleichen. Aber was wäre Ihrer Meinung nach die Alternative gewesen? Die Polizeipräsenz am Bahnhof kann man auch als Zeichen einer wehrhaften Demokratie auslegen. Dass sich rechte Gestalten dadurch bestätigt fühlen ist erstmal deren eigene Angelegenheit.