StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 4.2006

Kategorie: Musik
Stichwort: »Räuber und Gedärm«

Universal Songwriter

Die Sterne rücken in die Riege der Pop-Klassiker auf


Foto: Katrin Rother

»Räuber und Gedärm« ist das achte Studioalbum der Sterne in 14 Jahren. Da kann sich schon die Frage aufdrängen, wie sie ans Werk gehen. Wann es juckt, wieder Songs für ein neues Album zu schreiben. Wann sie merken: Das ist es, das Album ist fertig. »Wir verdienen unser Geld zum großen Teil durch Tourneen«, erzählt Frank Spilker, Sänger, Texter und Gitarrist der Band. »Um auf Tour gehen zu können, braucht man eine neue Platte.« Na klar, so geht das Ritual, die Meute braucht Frischfleisch. »Wir wollen wieder auf Tour gehen, also mussten wir ins Studio.«

So profan? Das ist das Geheimnis dieser wohl beständigsten und zuverlässigsten Indierock-Band in Deutschland – dass es keines gibt? Kein magischer Funke, der bei den Künstlersubjekten überspringt und sie sagen lässt: Ja, so müssen wir das machen, wir sind auf einer Mission, wir haben der Welt was zu sagen! Stattdessen: Ok, lasst uns mal über unseren Haushalt reden.

Es ist tatsächlich ein wenig komplizierter. Ein Blick auf die Diskographie und die damit verknüpfte Bandgeschichte hilft weiter: Auf ein stürmisches Debüt, »Wichtig« (1993), das klar macht, dass die Sterne wie keine andere jüngere deutsche Band auf rhythmisch exponierte Songs setzen, dass sie Funk und klassisches Singer/Songwriting zu versöhnen trachten, folgen zwei richtige Hitalben, »In echt« (1994) und »Posen« (1996). Dann kommen zwei Alben, die in sich gekehrter sind, auf Verfeinerung setzen, dem durch Hits wie »Universal Tellerwäscher« und »Was hat dich bloß so ruiniert« vorgezeichneten Erfolgsweg nicht vorbehaltlos folgen: »Von allen Gedanken schätze ich doch am meisten die interessanten« (1997) und »Wo ist hier« (1999). Es folgt ( zu spät?) eine Mainstreamproduktion, »Irres Licht« (2002). Zwei Jähre später sind sie wieder auf einem kleineren Label und liefern ein rüdes, eigenproduziertes und in Demo-Qualität aufgenommenes Album ab: »Das Weltall ist zu weit«.

Die Wurzel aus den bisherigen Alben

Die Sterne haben die Album-Modelle durchgespielt, die ihnen ihr einmal gesetzter Pop-Funk-Politrock-Standard setzt. Höhenflüge, Rückzüge, Erwartungsverweigerung, Charmeoffensiven, kennen sie alles. Mit »Räuber und Gedärm« tritt die Wichtigkeit des einzelnen Albums definitiv zurück – zugunsten des Gesamtwerks und des guten Songs. Das Paradoxe ist: Eben dadurch ist »Räuber und Gedärm« ein großartiges Album! Es besticht nicht durch einen Gesamtzusammenhang, sondern dadurch, dass (fast) alle der 14 Songs strahlen können. Mehr noch: Es wirkt wie die gezogene Wurzel aus den vorherigen sieben Alben. »Räuber und Gedärm« verschwindet hinter seinen Songs und der Bandgeschichte. Deshalb ist es egal, wenn es zunächst ganz profanen Zwecken dient: wieder live spielen, Geld verdienen.

Letzten Herbst hat Frank Spilker mal bei einem Bier gemeint, es wäre eine schöne Herausforderung, ein Album zu machen, das so sperrig ist, dass es nicht für Radioeinsätze taugt. Drei Monate später, beim Interview, zuckt er mit den Schultern: »Wir hatten einfach zu viele Ideen, wir haben uns dann gegen ein homogenes Album entschieden. Dafür haben wir versucht, so viele der Ideen so konsequent wie möglich zu Ende zu denken.« Und zu Ende zu spielen. Da geht ein ebenso starker wie untergründiger Flow durch die Songs, man merkt das erst gar nicht, man muss zweimal hinhören: Es kommt wirklich so rüber, als ob die ganze Band weggetrieben wird. Obwohl die Songs in sich geschlossen und kompakt sind, wirken sie so, als ob sie ganz der sie ursprünglich motivierenden Idee überlassen wären – und die entwickelt sich frei. Das geht bis an die Grenzen der Komik (»Als ich der Versuchung widerstand«), das entwickelt einen psychedelischen Sog (»Der Tunnel), und dem Sunshine-Song »Wir sind reines Dynamit« liegt tatsächlich eine straffe Spannung zugrunde.

Löcher stopfen und Sahnehäubchen portionieren

»Wir denken die Songs vom Rhythmus her«, meint Spilker. Das ist nicht das Geheimnis, aber das Erfolgsrezept. Das offene Gerüst, der Song als Skelett. Die wichtigsten Pole sind der sehr präsente Bass von Julius Block und – dem Bass entgegengesetzt – die Keyboards Richard von Schulenburgs, die für das Gegenteil zuständig sind: Kanten abschleifen, Löcher stopfen, Sahnehäubchen portionieren. Schlagzeuger Christoph Leich ist der energische Timekeeper. Eine bessere Grundlage für den klaren, unprätentiösen Gesang Spilkers kann es gar nicht geben.

»Räuber und Gedärm« ist nicht unbedingt ein zeitdiagnostisches Album (Einspruch Spilker: »Na klar sind wir eine politische Band, wir reagieren sehr genau auf das, was um uns herum passiert.«), es ist ein klassisches Album einer Klassiker-Band. Das zeigt keine Mumifizierung an. Die Band kann an Strukturen und Slogans arbeiten, die nicht auf einer Tour (oder einer Demo) verheizt werden, universal Songwriter.

Spilker singt jetzt, in einer wunderbar unpeinlichen Penetranz, von einer Dialektik, die das zeitlos leidende Subjekt über sein Leiden aufklärt: »Ich dreh am Rad / Ich dreh am Rad / Ich dreh, ich dreh, ich dreh, ich dreh am Rad / Ich dreh am Rad/ Ich dreh am Rad / Ich dreh, ich dreh, ich dreh, ich dreh am Rad / Ich hab keine Nerven / Ich hab keine Nerven / Ich habe keine, keine, keine, keine Nerven / Ich hab keine Nerven / Ich hab keine Nerven / Ich habe keine, keine, keine, keine, keine / Ach Quatsch, jeder hat doch Nerven um zu sagen, dass er keine hat.«

Tonträger: Die Sterne, »Räuber und
Gedärm« (V2/Rough Trade) ist bereits
erschienen.
Konzert: 23.4., Bürgerhaus Stollwerck, 21 Uhr.

Von: Felix Klopotek
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