StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 5.2017

Kategorie: Kunst
Stichwort: Die Kunst der Pause, Wallraf-Richartz-Museum, Fondation Corboud, Kunst, Kopie, Ausstellung

Die Kopie als Coverband

Das Wallraf reflektiert in einer kleinen feinen Schau die Kunst der »Pause«


Albrecht Dürer, Adam und Eva (Sündenfall), Kupferstich, Foto: courtesy: Wallraf-Richartz-Museum

Unbekannter Künstler, Feder in schwarz und grau laviert auf geöltem Vergé, Foto: courtesy: Wallraf-Richartz-Museum

Ja, aber ist das denn ... ? Bevor einen der innere Warhol warnen könnte, ist die Frage bereits formuliert. Vor abgepausten Werken im Graphischen Kabinett des Wallrafs stehend, stellt man sich still eine enorm grundlegende Frage, die nach dem Wesen von Kunst.

 

Dabei faszinieren die Bildpausen ganz unmittelbar, wahrscheinlich durch ihre Nachvollziehbarkeit. Wer hat nicht in Kindertagen versucht, auf Butterbrotpapier ein darunter liegendes Bild zu kopieren und war nicht enttäuscht vom Resultat? Mit den Schwierigkeiten der Pause haderten auch Profis, insbesondere, wenn es um höchstmögliche Genauigkeit ging. Tatsächlich war die Pause bis zur Etablierung der Fotografie eine der wenigen Techniken, ein Original zu vervielfältigen. Ölgetränktes Papier oder Fischleim boten genug Transparenz, um sie auf ein Werk zu legen. Doch nicht alle Pausen gerieten so präzise wie Wilhelm von Kaulbachs eigene Kopien seiner Zeichnung zu »Der Cid«. Dürers Liebespaar entgleiten die Gesichtszüge, und wo das Papier nicht durchscheinend genug war, improvisierte der unbekannte Kopist.

 

Als Jakob Ignatz Hittorff Anfang des 19. Jahrhunders Luigi Rossinis »Veduta Generale dei gran Colossi sul Monte Quirinale« durchpaust, hat er die mannigfaltigen Details des Originals im Blick. Aber er merkt nicht, wie er das Papier um vielleicht einen Milimeter dreht. Der Effekt ist eine seltsam gebogene Dynamik im Sockel der abgebildeten Skulptur, dessen Inschrift OPUS PHIDAE zu einem einzigen Wort verschmilzt. Man meint den Frust des Künstlers zu erahnen, als er erstmals auf seine Arbeit blickte. Oder macht der Fehler die Kunst?

 

Fern der Seriosität eines Kunsthistorikers gesagt: Wenn Holzschnitt und Kupferstich das method acting der kopierenden Kunst sind, dann ist die Pause so etwas wie vouging. Oder unter einem etwas anderen Blickwinkel: Wenn die Pop-Analogie zur Kopie in Holzschnitt und Kupferstich als schwedische Retrorockband erklänge, dann wäre die Pause eine Coverband. Die Idee der Kunst, eine eigene Form des Ausdrucks aus der geschulten und präzisen Beobachtung zu schaffen, gerät in der Pause zu einem weit erratischeren Tun. Diese entweder spielerische oder aufgrund der Wahl ihrer Mittel inperfekte Nachbildung eines bewunderten Werks schafft auch neues Bewusstsein für die Besonderheiten des Originals, ja generell für künstlerische Entscheidungen. Sollte das keine Kunst sein?

 

Wallraf-Richartz-Museum — Fondation Corboud, Di-So 10-18, 1. und
3. Do im Monat 10–22 Uhr, bis 11.6.

 

 


Von: Oliver Tepel
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