StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 6.2017

Kategorie: Kommunal
Stichwort: Handy-Spanner

Hashtag Seepferdchenkurs

Handy-Voyeure, die Freibadfotos von Kindern machen - diese Angst geht gerade um. Die Privatsphäre von Kindern verletzt jedoch meistens jemand anders


Spannen nicht erlaubt: Freibad am Lentpark, Foto: Ben Horn

2003 geisterte die Angst der Eltern vor Handy-Fotos durch die Medien. Von »Handy-Spannern im Freibad« und »Voyeuren« war da die Rede. Die Deutsche Presse-Agentur rief den »Spanner-Alarm« aus, und in Internetforen überschlugen sich hysterische Anfragen: »Hilfe! Fremder fotografiert mein Kind?!«. Konkrete Nachfragen bei Schwimmbädern und Polizeistellen quer durch die Republik sorgten dagegen vor allem für ratloses Schulterzucken: Bisher, so hieß es vielerorts, wisse man nichts von solchen Verstößen.

 

Und heute? Mehr als zehn Jahre später bringt das Waldschwimmbad im hessischen Offenbach das Thema erneut auf die Agenda. Pünktlich zur Freibadsaison kündigte man dort an, das Fotografie-Verbot mit Kamera-Stickern durchsetzen zu wollen. Jeder Gast müsse die Linse seines Mobiltelefons am Eingang mit einem speziellen Aufkleber verdecken. Im Schwimmbad in Mülheim an der Ruhr hat man da schon längst zu drastischeren Maßnahmen gegriffen: 2013 wurde das Panoramafenster zum Nichtschwimmerbecken mit einer blickdichten Folie beklebt.

 

»Für einen Bademeister ist nicht erkennbar, wer zu wem gehört«, sagt Franziska Graalmann von den Kölner Bäderbetrieben. Aus diesem Grund habe man auch in den städtischen Bädern eine klare Haltung: »Das Schwimmbad muss ein kamerafreier Ort sein.« Am Eingang und innerhalb des Bades weisen Piktogramme auf das Verbot hin. Über konkrete Vorfälle, bei denen sich Badegäste von fremden Kameras belästigt fühlten, sei das Unternehmen in der Vergangenheit aber nicht informiert worden.

 

Ein Blick ins Netz genügt jedoch, um zu verstehen: »Handy-Spanner« können wirklich überall lauern — und sie missachten die Rechte von Kindern, indem sie ungefragt deren Bilder ins Netz stellen. Auf Facebook und Instagram kann man sich durch schier endlose Bilderreihen klicken, auf denen Kinder vom Beckenrand hüpfen oder mit Schwimmflügeln im Wasser planschen. Kommentiert werden diese Bilder mit: »Stolze Mama!!! #Seepferdchenkurs«.

 

 


Von: Philippa Schindler
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1 Kommentar

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Lisa schrieb am 20.06.2017 13:08 answer

Welche Folgen hat es, wenn das ereignisreiche und beglückende Leben jenes Teils der Gesellschaft, die man Eltern nennt, unsichtbar bleibt, wie aktuell auf Facebook? Bzw. wenn Kinder nur noch in der Werbung auftauchen, und da vor allem quengelig und in gestellten Situationen? Bei sowas fragt mich dann mein Sohn "war ich auch so blöd?". Obwohl er mir schon als Säugling überaus kompetent erschien... aber woher sollte er ein anderes, ein natürlicheres Bild von Kindern in unserer Gesellschaft nehmen?

Wer mit Kindern nie zu tun hatte und sie auch nirgends im Netz zu Gesicht bekommt, wird höchstens einen Katzen- aber keinen Kinderwunsch entwickeln.