StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 12.2013

Kategorie: Thema
Stichwort:

Reverse Graffiti: Die Kunst des Putzens

Tim Ossege reinigt schmutzige Flächen im Stadtraum. Die Kölner Anti-Spray-Aktion (KASA) entfernt seine Werke trotzdem


»Wenn ich mit Freunden unterwegs bin, ­wundern die sich schon manchmal, wenn ich an einer dieser hässlichen, dreckigen Sicht­beton­wände anhalte« | Graffito und Foto: Tim Ossege

Es ist allgemein bekannt, dass Köln eine schmutzige Stadt ist. Schon David Hume bezeichnete die Stadt in seinen Reiseberichten im 18. Jahrhundert als »äußerst verfallen«, als sei sie gerade »von einer Pest oder Hungersnot« heimgesucht worden. Rolf-Dieter Brinkmann nannte die Stadt »eine Kloake von einer Million Menschen« und stellte fest: »Abends kriechen Ratten aus den Kanallöchern und huschen durch die Seiten­straßen.«

 

Tim Ossege hat ein ambivalentes Verhältnis zum Dreck. Die Verschmutzung im Stadtbild stört ihn, klar, aber sie ist zugleich auch seine Leinwand. »Ich sehe da nicht nur die dreckige Wand, sondern auch die Möglichkeiten. Wenn ich mit Freunden unterwegs bin, wundern die sich schon manchmal, wenn ich an einer dieser wirklich hässlichen, dreckigen Sichtbetonwände anhalte, um mir das Ganze aus der Nähe anzuschauen und die Textur genauer zu untersuchen.«

 

Der 29-Jährige ist Reverse-Graffiti-Künstler. Statt eine Wand zu bemalen, reinigt Ossege sie. Seine Werkzeuge sind keine Sprühdosen, sondern eine Druckluftflasche, eine Sprühpistole, Granitsand und eine Schablone, wie sie auch Stencil-Künstler benutzen. Damit reinigt er einen Teil der verschmutzen Wand, und aus dem Kontrast zwischen schmutzig und sauber entsteht das Motiv – reverse!

 

Ossege kommt aus der Graffiti-Szene, hat aber mit der klassischen Form schon vor zehn Jahren aufgehört. Das habe ihm nichts gegeben, sagt er. »Der Adrenalinkick, dieses ständige illegale Arbeiten unter Zeitdruck, die Gefahr, das war nie meins. Ich wollte mich aber trotzdem künstlerisch im öffentlichen Raum ausleben.« So kam er vor zwei Jahren zum Reverse Graffiti — und blieb dabei. Sein Arbeitsfeld ist der gesamte Stadtraum, seine Leinwand ist vor allem der Sichtbeton, auf dem sich die Verschmutzungen durch Verkehr und Industrie in besonderer Weise abzeichnen.

 

Osseges Künstlername »Sei Leise« ist treffend gewählt, denn seine Motive sind zwar aufwändige, aber doch stille Porträts, die dem Betrachter nicht gleich schreiend entgegenspringen. Ein Juri-Gagarin-Porträt, ein Roboter in knieender Haltung, kleine fliegende Untertassen mit Kameras, die sich erst auf den zweiten Blick als Kommentar zur Überwachungs-Paranoia im öffentlichen Raum zu erkennen geben.

 

Als Vater des Reverse Graffiti gilt der Brite Paul Curtis, szenebekannt unter dem Namen »Moose«. Der Legende nach kam ihm die Idee 2004, als er in seiner Heimatstadt Leeds sah, dass Menschen mit ihren Fingern auf dreckige Tunnelwände gemalt hatten. Schnell entdeckten auch Unternehmen den Wert für ihr Guerilla-Marketing. Moose arbeitete für Microsoft oder Smirnoff. Mittlerweile gibt es auch  in Deutschland kommerzielle Anbieter, die das Komplettpaket inklusive GPS-Tracking sowie Foto- und Video-Dokumentation anbieten. Für Ossege ist die Kommerzialisierung keine Option: »Das lehne ich ab.«

 

Die Beständigkeit der Werke ist unterschiedlich. »Das hängt vom Wetter ab, und von der Beschaffenheit der Wand«, erklärt Ossege. »Einige Werke sehen aus, als hätte ich sie gestern gemacht, dabei ist das schon ein Jahr her. Andere sind binnen kurzer Zeit wieder bis zur Unkenntlichkeit verschmutzt.« Auch das sei ein wichtiger und spannender Teil der Arbeit, so Ossege weiter. »Graffiti unterwirft sich ja grundsätzlich immer dem Zerfall. Beim Reverse Graffiti geht das halt sehr schnell. Aber auch das gefällt mir. Wenn sich beispielsweise das Moos ein Bild zurückholt, entstehen neue Strukturen. Ein Bild sollte immer in Bewegung sein.«

 

Allerdings können die Bilder auch in eine Bewegung geraten, die Ossege weniger gefällt. Die Kölner Anti-Spray-Aktion (KASA) hat einige seiner Werke gezielt entfernt, zuletzt in Ehrenfeld an der Herkulesstraße. »Es ist ja schön, wenn die Stadt dreckige Wände reinigen lässt. Wenn die Bilder weggemacht werden, ist wenigstens die Wand sauber. Aber wenn das erst dann geschieht, wenn ich dort schon vorgereinigt habe, dann tut das schon weh«, sagt er. »Vor allem, da die KASA eigentlich gar nicht zuständig ist. Was ich mache, ist ja keine Sachbeschädigung.« Zwar sei er schon häufig von der Polizei gestellt worden, die dann auch seine Personalien aufnahm — darüber hinaus sei jedoch nichts passiert.

 

Tatsächlich bewegt sich Reverse Graffiti rechtlich in einer Grauzone. Laut Paragraf 303 des Strafgesetzbuches »wird bestraft, wer unbefugt das Erscheinungsbild einer fremden Sache nicht nur unerheblich und nicht nur vorübergehend verändert.« Der Dortmunder Patrick Gau ist einer der wenigen Rechtsanwälte in Deutschland, die sich mit Graffiti befassen. Bislang habe es in Bezug auf Reverse Graffiti noch keinen Präzedenzfall gegeben, sagt Gau. Es könnte unter Umständen strafbar sein, so seine Einschätzung, wenn es zum Erscheinungsbild der gereinigten Fläche gehört, dass sie verwittert oder dreckig ist. Aber auf eine Sichtbetonwand treffe das nun mal nicht zu. Gau ist sicher: Käme es zu einer Anklage, würde sie als Bagatelle fallengelassen werden. Die Frage der Dauerhaftigkeit sei schlicht nicht gegeben. »Dann könnte man auch Kinder, die Hüpfekästchen spielen, anklagen.«

 

Bei der KASA macht man indes keine Unterschiede zwischen klassischem Graffiti und der Reverse-Variante. »Wir unterscheiden da nicht«, sagt Koordinatorin Petra Kremerius. »Im Kern geht es uns darum: Ein städtisches Objekt ist verändert worden, ohne Zustimmung. Da unternehmen wir dann etwas gegen. Es könnte ja zum Beispiel auch eine Schädigung des Untergrunds ent­stehen«, so Kreme­rius. Die KASA stellt zudem bei jeder Reinigung einen Strafantrag, »was die Staatsanwaltschaft dann daraus macht, liegt nicht in unserem Zuständigkeitsbereich«. Eine klare Ansage: Es geht nicht um Strafbarkeit, es geht darum, jede Art von Intervention im öffentlichen Raum zu ent­fernen.

 

Nachdem Ossege entdeckt hatte, dass seine Bilder in Ehrenfeld entfernt worden waren, schrieb er einen Brief an die Stadt. Eine Antwort hat er nie erhalten. »Hatte ich auch nicht erwartet«, sagt er. Der Hobby-Putzmann machte aus der Not eine Tugend: die gereinigten Abschnitte integrierte er wieder in neuen Bilder. So entstanden die sogenannten Saubermänner, kleine Protestfiguren, die die Wand scheinbar weiter reinigen und somit die Arbeit der KASA fortführen, oder dagegen protestieren. Auch dadurch hat er sich mit den Eingriffen von Stadtseite arrangiert: »Wenn ab und an die KASA kommt und meine Bilder wegmacht, sehe ich das als Chance, neue Saubermänner anzubringen.«

 


Von: Christian Steigels
«  Energetische...  Flucht in den...» Datensatz 1248 von 4502 insgesamt.

1 Kommentar

Seite 1 von 1 1

Tobias_Claren@Live.de schrieb am 16.04.2014 16:19 answer

Es wäre sehr wichtig, wie die Staatsanwaltschaften das sehen und bisher behandelt haben.

Evtl. kläffen die auch nur laut, aber die alten Fälle wurden abgelehnt oder scheiterten vor Gericht.

Hier muss JEDER Fall aufgelistet werden.

Berichtet weiter, auch hier als Kommentar, damit ich es als Benachrichtigung erhalte.

 

Dann schreiben Künstler halt kein Signum mehr drunter.

Ich hatte auch schon an diese Methode gedacht.

Aber weniger für Kunst, als soziale/politische Belange.

Also etwas, dass dem Staat noch weniger gefallen dürfte.

Stellt euch mal vor, jemand wirbt vor dem Jobcenter für eine pro-Suizid-Seite.

Oder macht ein RA "Arbeit macht Frei" vor das Jobcenter.