StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 2.2014

Kategorie: Film
Stichwort: »Anchorman — Die Legende kehrt zurück« von Adam McKay

Erkenntnisse eines Vollpfostens

Medien-Komödie: Anchorman — Die Legende kehrt zurück von Adam McKay


Am Ende muss sich auch ein Ron Burgundy (Will Ferrell) geschlagen geben: Im ersten »Anchorman« (2003) trat der Nachrichtensprecher noch mit der geballten Kraft eines zur Reflexion seines Handelns nicht im Ansatz befähigten Vollpfostens gegen die Frauen an, die in seine Männerdomäne eindringen; jetzt, im zweiten Teil, wird er gleich zu Beginn kurzerhand gefeuert, während seine Gattin Veronica (Christina Applegate) eine große Karriere vor der Kamera hinlegt. Rettung naht in Form eines Investors mit einer für die damalige Zeit — Ende der 70er Jahre — bahnbrechenden Idee: »GNN«, ein Sender, der rund um die Uhr nichts als News bringt. Und Burgundy und seine Leute sollen mit ins Team.

 

Auf dieser Grundlage erzählen Regisseur und Ko-Drehbuchautor Adam McKay und Produzent Judd Apatow eine im Grunde tieftraurige Geschichte über den Wandel des Fernsehjournalismus vom seriösen Informationsangebot zur Ware, die marktschreierisch an den Mann gebracht werden muss: »Warum geht es in den Nachrichten immer nur darum, was die Leute wissen müssen, und nicht darum, was die Leute sehen wollen«, bringt Burgundy die Misere in seiner grenzenlosen Naivität auf den Punkt — und moderiert sich künftig mit Nachrichten über niedliche Tiere, strunzdummen patriotischen Appellen und anderem Schnickschnack aus dem Quotentief.

 

Als die Konkurrenz ein ausführliches Live-Gespräch mit Jassir Arafat ankündigt, erfindet Burgundy kurzerhand die Live-Schaltung zu einer Autoverfolgungsjagd, die er hochgradig spekulativ kommentiert. Zynisch ist das gerade nicht, ganz im Gegenteil: Hinter all der lustvoll ausgewalzten 70er-Dollerei mit fiesen Frisuren und noch fieseren Klamotten und dem brachialen (und ziemlich witzigen) Blödsinn verbirgt sich ein moralischer Kern, der von der Hoffnung beseelt ist, die Menschen mögen ein Einsehen haben, dass die öffentliche Sphäre zu wertvoll ist, um nur der Abfuhr zuvor angestachelter Triebe zu dienen.

 

Nicht zuletzt drückt sich das in der Burgundy-Figur selbst aus, steht sie doch gerade für den Infantilismus des ichbezogenen Mannes, der seine Privilegien als Anrecht, und die Welt als Selbstbedienungsladen versteht. Er muss erst — in einer großartig wahnwitzigen Szene — erblinden, um nach und nach zu der Erkenntnis zu kommen, dass die Welt keine Beglückungszone für Narzissten darstellt. Und wenn ein Ron Burgundy das schafft, dann schafft das auch die Welt.

 


Von: Thomas Groh
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