StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 11.2016

Kategorie: Thema
Stichwort: Möllner Rede im Exil

»Wir kennen die Hetzpolitik«

Ibrahim Arslan überlebte 1992 den Nazi-Brandanschlag in Mölln. Im Interview spricht er über die »Möllner Rede im Exil« am 20.11. in Köln.


Hat Schwester, Cousine und Oma verloren: Ibrahim Arslan kämpft gegen Rassismus und das Vergessen, Foto: Jörn Neumann

Herr Arslan, Sie haben vor 24 Jahren den rassistischen Brandanschlag von Mölln überlebt. Was geschah in der Nacht vom 22. auf den 23. November 1992?

 

Zuerst zündeten die Neonazis Lars Christiansen und Michael Peters ein Haus in der Ratzeburger Straße an, in dem türkischstämmige Familien wohnten. Kurz darauf griffen die gleichen Täter unser Haus mit Molotov-Cocktails an. Da Mölln nur über wenige Feuerwehrkräfte verfügt, wurde die Feuerwehr aus einer benachbarten Stadt gerufen, um unser Haus zu löschen. So hat es lange gedauert, bis die Einsatzkräfte vor Ort waren. Nachbarn haben versucht zu helfen und spannten ein Bettlaken auf. Meine Tante und meine Mutter sind mit meinem Bruder aus einem Fenster im zweiten Stock gesprungen und haben sich dabei schwer verletzt. Dass meine Uroma, mein Opa und ich, überlebt haben, war nur Glück. Für meine Schwester Yeliz, meine Cousine Ayşe Yilmaz und meine Oma Bahide Arslan kam jede Hilfe zu spät. Sie sind in dem brennenden Haus gestorben.

 

Sie haben einen großen persönlichen Verlust erlitten. Dennoch organisieren Sie jährlich öffentliche Gedenkveran­staltungen. Ist das auch Trauerarbeit für Sie?

 

Auf alle Fälle. Für uns ist es wichtig, unsere Geschichte zu erzählen. Unsere größte Sehnsucht ist es, so die Solidarität der Menschen zu erfahren, und gemeinsam dafür zu sorgen, dass solche Taten nie wieder passieren. Wir möchten jeden Tag zei­­gen, dass Rassismus immer noch ein Bestandteil dieser Gesellschaft ist. Wenn wir nicht immer wieder darauf aufmerksam machen, werden wir nicht die Solidarität der Menschen erfahren.

 

Sind ihre Erfahrungen heute noch aktuell?

 

Wir sind die Überlebenden der 90er Jahre. Wir kennen die Hetzpolitik und die der Art der Radikalisierung der Menschen. »Das Boot ist voll« hieß es damals in den Medien, und dann brannten die Asylunterkünfte. Heute ist die Stimmung ähnlich, und es werden wieder Flüchtlinge angegriffen.

 

Ihre jährlichen Gedenkveranstaltungen laufen unter dem Motto »reclaim and remember«, also sinngemäß »das Erinnern zurückfordern«.

 

Nicht zurückfordern, zurück erkämpfen! Leider müssen die Überlebenden immer wieder einen Kampf führen, um institutionell inszenierte Gedenkveranstaltungen an sich zu reißen.

 

Aber wo liegt das Problem, wenn die Stadt Mölln Gedenkveranstaltungen durchführt?

 

Wir wollen, dass es respektvoll geschieht. Über zehn Jahre sind wir nicht zur Vorbereitung der Veranstaltungen eingeladen worden. Aber es ist doch unser Gedenken. Wir sind keine Gäste, sondern Gastgeber. Deshalb haben wir eine jahrelange Auseinandersetzung darum geführt, wer das Gedenken in Mölln gestaltet. Die Stadt will das nicht aus der Hand geben und hat immer wieder versucht, die Geschichte zu verharmlosen. Negative Ereignisse gehören aber nun mal zur Geschichte und wir müssen es ertragen, sie immer wieder zu hören.

 

Ist das die Idee der Möllner Rede?

 

Ja, das ist ein Bestandteil. Wir wollen zeigen, dass die Überlebenden keine Statisten des Geschehens sind und die Gedenkveranstaltungen deshalb uns gehören. Jedes Jahr hält eine andere Person aus der Bevölkerung die Möllner Rede. Das sind immer mehr oder weniger prominente Personen, die sich gegen Rassismus einsetzen. Wir wollen zeigen, dass Rassismus ein allgemeines Problem ist, von dem jeder betroffen ist.

 

Die Rede wird dieses Jahr zum vierten Mal außerhalb von Mölln gehalten. Warum sind Sie damit ins Exil gegangen?

 

Die Rede war anfangs ein Bestandteil der offiziellen Möllner Gedenkveranstaltungen. Die Stadt wollte die Redner aber selbst stellen. Wir als betroffene Familie haben gesagt, dass wir unsere eigenen Redner benennen möchten. Die Stadt Mölln hat das nicht akzeptiert, sie wollte Nichtpolitikern die Bühne nicht für politische Äußerungen überlassen. 2012 haben wir Beate Klarsfeld eingeladen, die die Rede dann auch hielt. Es kam zum Eklat und die Möllner Rede wurde aus dem offiziellen Programm gestrichen. Deshalb sind wir 2013 erstmals damit ins Exil gegangen. Nach Lüneburg, Hamburg und Bremen findet sie dieses Jahr in Köln statt.

 

Sie waren häufig in der Kölner Keupstraße zu Gast und haben mit Betroffenen des Nagelbombenanschlags gesprochen. Wie kommt es zu dieser Verbindung?

 

Uns verbindet, was wir erlebt haben. Leider zeigt sich in Deutschland immer wieder das Phänomen der Opfer-Täter-Umkehr. Beim NSU hat man die Täter in den Opferfamilien gesucht und die Opfer stigmatisiert. Genauso war es bei uns. Wir hatten zwar das »Glück«, dass die Täter sich noch in der Tatnacht mit Anrufen samt Heil-Hitler-Rufen bei der Polizei bekannt haben. Trotzdem sind bald Gerüchte aufgekommen, mein Vater habe hinter der Tat gesteckt. Er sei im Zuhälter-Millieu tätig, habe seine Tochter und Mutter eingesperrt und das Haus angezündet. Sogar die Medien haben so etwas geschrieben, und gegen meinen Vater wurde ermittelt. Er hatte nicht einmal die Chance, über seinen Schmerz hinweg zu kommen, sondern musste sich gegen Beschuldigungen wehren.

 

Wie können sich die Opfer rassistischer Gewalt wehren?

 

Es ist mir ein großes Bedürfnis, Opfer in Deutschland untereinander zu vernetzen, damit wir uns untereinander beraten können. Die Opferentschädigungsrente etwa wird den Betroffenen nicht vom Staat hinterher geschmissen. Sie wird oft nur gezahlt, weil wir Überlebende den Opfern sagen, dass es so etwas gibt und wie man es bekommt. Ich finde Opferberatungsstellen super, aber die eigentlichen Experten in puncto Rassismus sind wir. Wir können uns viel besser vernetzen und beraten als außenstehende Personen.

 

Dem Begriff des Opfers wohnt immer auch etwas Passives inne. Trotzdem machen Sie sich für eine selbstbewusste Nutzung des Begriffs stark.

 

Ich habe mir zum Ziel gesetzt, die Opferrolle so stark wie möglich zu präsentieren. Ich bin häufig in Schulen zu Besuch, um dort meine Geschichte zu erzählen. Dort mache ich immer den gleichen Versuch. Ich frage nach den Namen der NSU-Opfer, nach Enver Şimşek, Mehmet Kubaşık oder Suleiman Taşköprü. Nicht ein Schüler hat bis jetzt diese Namen gekannt. Wenn ich aber nach Beate Zschäpe frage, gehen alle Arme hoch. Dann erkennen sie, dass sie sich mit den Opfern zu wenig auseinandergesetzt haben, und dass sich das ändern muss. Nur wenn die Menschen sich mit den Opfern identifizieren, werden sie sich solidarisieren.

 

 


Von: Daniel Poštrak
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