StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 12.2016

Kategorie: Musik
Stichwort: Chen Moscovici, Moscoman, A Shot In The Light

Die alltägliche Diaspora

Chen Moscovici ist der Musik wegen von Tel Aviv nach Berlin übergesiedelt. Sein Debütalbum »A Shot In The Light« glaubt an ihre heilende Kraft


Für einen kurzen Moment gerät Chen Moscovici ins Grübeln. Vielleicht war es ja doch keine so gute Idee, für die Präsentation seines Debütalbums »A Shot In The Light« die Plattenspieler gegen eine Band einzutauschen. Während der 34jährige Israeli in den letzten Jahren mit leichtem Gepäck durch die Welt geflogen ist, gilt es nun mit seinen beiden Mitmusikern Tamir Chen und Shachak Itzkovitz einen nervaufreibenden Soundcheck zu absolvieren. Wir befinden uns im Radion, einem der derzeit angesagtesten Amsterdamer Clubs, dessen Set-up aber nur für DJs ausgelegt ist. Der Haustechniker scheint mit einer Liveband heillos überfordert zu sein. Und das, wo die Uhr bereits laut tickt und in zwei Stunden das extra für den Amsterdam Dance Event (ADE) nach Holland angereiste Publikum gespannt vor dem Trio stehen wird.

 

Aber der Reihe nach. Seit seinem finalen Umzug von Tel Aviv nach Berlin vor zwei Jahren hat sich Chen Moscovici aka Moscoman mit Veröffentlichungen auf Labels wie I’m a Cliche, Correspondant, Renate, Eskimo Schallplatten und ESP Institute bestens positioniert. Und mittendrin sein eigenes Label Disco Halal, mit dem er sich Genre- und grenzüberschreitend elektronischer Musik aus dem Nahen Osten widmet, egal ob sie aus der Türkei, Israel, Syrien, Libanon, Ägypten oder Palästina stammt. Das Label ist eine Brücke über die kulturellen Klüfte seiner zersplitterten Heimatregion. Natürlich gibt sich Moscovici nicht der Illusion hin, dass er die schwierigen Verhältnisse ändern könne, aber »einen kleinen Teil beisteuern zur Annäherung, das ja auch schon etwas wert«, gibt er zu Verstehen.

 

In Kenntnis darüber, dass sein Gesprächspartner aus Köln kommt, berichtet er von den Erfahrungen, die er bei seinem letztjährigen Auftritt im Rahmen des Birlikte Festivals gemacht hat, mit dem der Opfer des NSU-Nagelbombenanschlags in der Keupstraße erinnert wird. »Ich spielte in einem seltsamen kleinen Café, wo normalerweise Türken Domino spielen. Beim Auftritt war es rappelvoll und alle tanzten, obwohl, oder gerade weil ich diese arabische Musik spielte. Was ist mit den Deutschen los? Warum können sie so gut auf diese Musik, wo doch das Arabische heutzutage so viel Schlimmes repräsentiert? Die Antwort, die ich für mich gefunden habe: In der arabischen Welt spielt die Familie eine sehr große Rolle; uns gelingt es, genau dieses Gefühl des Zusammenhaltes als neues Element in
die westliche Dancemusik einzubringen.«

 

»A Shot In The Light« ist dieser Tage trotz des aktuellen Hypes um Disco Halal nicht auf Moscovicis eigenem Label erschienen, sondern auf dem von Andrew Hogges (aka DJ Lovefingers) betriebenen ESP Institutes (esp-institute.cim). Das Album lebt von Moscovicis Talent, einfache Melodielinien mit Trance-Momenten melancholisch zu brechen. Überhaupt scheint der Mitdreißiger an klaren Soundverhältnissen kein Interesse zu haben. Seine DJ-Sets gelten als sehr mutig, da er konsequent die unterschiedlichsten Platten collagiert. So kann ein ganz normaler Setfluss schon mal vom Punk über Pop und Techno hin zu afrikanischer und arabische Musik führen. Sein ganz persönlicher Erklärungsansatz: »Die Gegend, aus der ich stamme, ist sehr heiß und humid, man möchte den ganzen Tag nur schreien, und genau das führt zu dem verrückten Mix.«

 

Für sein Debütalbum hat er eine Art Best-of seiner Produktionen der letzten fünf Jahre konzipiert. »Es ist ein Menü, auf dem sich alles von melodisch-perkussiven Sachen über trancige Produktion bis hin zu von Jungle und Afrobeat beeinflussten Tracks findet.« Ganz ohne innere Konflikte ginge sich das aber nicht aus, betont er: »Philo­sophisch gesprochen repräsentiert dieser Konflikt der Sounds meine eigene Widersprüchlichkeit. All meine Stücke sind eine Kombination von dem, was ich anstrebe und dem, was ich bin.«

 

Die Musik von Moscoman zeichnet eine tiefe Traurigkeit aus. Er selbst verwendet den Begriff »happdy-sad«, um sie zu beschreiben. Man könnte nun mutmaßen, sie speise sich aus der jüdischen Herkunft des in Tel Aviv in bescheidenen Verhältnissen geborenen und aufgewachsenen Musikers, der um die große Bedeutung, die arabische Musik für sein Werk besitzt, weiß. Doch erstaunlicherweise hebt er den Einfluss norwegischer Disco-Musik hervor. »Als ich anfing Musik zu produzieren, trieb mich die Sehnsucht an, im Norden geboren zu sein, da dort eine ganz eigene Form von Traurigkeit existiert. Du musst dir nur mal die ­frühen New-Disco-Sachen von Lindstrøm oder Prins Thomas anhören.«

 

Leicht ist es Moscovici nicht gefallen, Tel Aviv gegen Berlin einzutauschen. Es seien zwar nur drei Flugstunden, führt er aus, aber dennoch fühle sich das Leben in Berlin jeden Tag wie eine Diaspora an. »Ich habe meine Familie in Israel zurückgelassen. Zwar lebe ich in Berlin nicht nur mit meiner Freundin zusammen, sondern habe auch etliche israelischen Freunde in der Nachbarschaft, aber der Großteil meines sozialen Umfelds ist dennoch nicht bei mir.« In Berlin hat sich Moscovici den Stadtteil Mitte als place-to-be herausgesucht. »Hier war einst eine große jüdische Community ansässig war. Ich fühle mich als sehr spiritueller Mensch ihren Seelen nah. Ich kann ihre Traurigkeit spüren.«

 

Den Ausschlag für den Umzug hat sein Wunsch nach Zugehörigkeit zu einem Zirkel von Musikern gegeben, der ihm von Tel Aviv aus weit entfernt und unerreichbar erschien. Beim ADE teilte er bereits das Line-up mit einst aus der Distanz verehrten Musikern wie Prins Thomas, DJ Harvey und Love­fingers. Insofern sehr wichtig, dass der Auftritt letztlich trotz der schwierigen Bedingungen hervorragend lief. »Ich glaube nicht, dass es den Leuten aufgefallen ist, dass es neben einem Probeauftritt in Berlin erst unsere zweite Performance war«, kommentiert Chen Moscovici nach der Show und erzählt damit nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte bestand aus enthusiastisch schreienden und tanzenden Menschen.


Von: Thomas Venker
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