StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 6.2017

Kategorie: Musik
Stichwort: Netzmusik

Netzmusik von Marco Trovatello

(Twitter @marco_t)


Legowelt (legowelt.bandcamp.com) kommt aus Den Haag und heißt mit bürgerlichem Namen Danny Wolfers. Für seine Musik benutzt er in der Hauptsache betagte Synthesizer, gerne auch die eher unpopulären Modelle, und entlockt ihnen entrückte Sounds. Analog oder digital — scheißegal, denn das hier lebt durch sein versponnenes, wunderbar rauschendes Sound-design und die klugen Arrangements, die oft ganz eindeutig der dreckigen, deepen Variante des Chicago House entliehen werden. Doch auch Aphex Twin winkt beim Vorbeifahren. Nachdem Legowelt im Jahr 2002 mit »Disco Rout« mal kurz Mainstream-Luft schnupperte (Track des Jahres im Groove-Magazin!), machte er es sich fortan wieder im Umfeld seines heimischen und sehr produktiven Labels Bunker Records gemütlich.

 

Mit TEAC Life hat der Niederländer vor nicht allzu langer Zeit sein gleichnamiges Album aus dem Jahr 2011 zum »Nenn’ Deinen Preis«--Tarif auf seiner Bandcamp-Seite wiederveröffentlicht. Weiterhin frisch erschienen, auch auf Cassette, CD und LP, ist »Unfolding The Future With Amateur Space Jazz«. Immer noch wunderbar Lo-Fi, geht es hier viel ambienter zu. Der Titel ist Programm: Es handelt sich um eine Art, nun ja, Lounge Jazz, jedoch gespielt auf und aufgezeichnet mit »schrottigen digitalen Synths, bevorzugt mit zweifelhaften Wiedergaben echter Instrumente«, sagt Danny Wolfers. Spleenig und wunderschön anzuhören. Niemand bastelt mithilfe alter Kisten und ihrer scheußlichen Presets schönere Tracks. 

 

Legowelt ist aber noch mehr, zum Beispiel DJ, Produzent und eine Art »teilendes Gesamtphänomen«: Auf seiner Website — Design unverändert seit 2005, mit Frames! — bietet er neben seiner Musik tonnenweise freie Samples seiner alten Schätzchen zum freien Download an, des weiteren Studio- und Synthesizer Know-how, selbst entwickelte Software für Ableton Live und, und, und: xs4all.nl/~awolfe 

 

Den Singer-Songwriter Dwight Smith (dwightsmith.us) aus Austin, USA, habe ich über Sandra Zettpunkts wunderbare Sendung »Golden Glades« auf ByteFM entdeckt. Seine Musik changiert zwischen Indiepop und Americana, als hätte David Longstreth von den Dirty Projectors ein Folk-album aufgenommen. Smiths teils skurriler, komplex arrangierter Gesang und die schönen Gitarren- und Bläser-arrangements, gemischt mit viel Raum, verleihen seiner Musik eine besondere Ausstrahlung. Das Album »Lateral Drifts« gibt es ebenfalls zum »Nenn’ Deinen Preis« als Download oder als CD auf Bandcamp. Ebenda findet ihr Smiths aktuelle Veröffentlichung »Buds«, die er gemeinsam mit Nathan Wilkins alias Monté, ebenfalls aus Austin, aufgenommen hat. Von ihm mehr in der nächsten Netzmusik. 

 

Bandcamp, zum Dritten: Auch auf »BLD«, das aktuelle Album von Acid Pauli, bin ich dort aufmerksam geworden. Martin Gretschmann — bei The Notwist 2014 ausgestiegen und auch als Console nicht mehr in Erscheinung tretend — stand der immer wieder hörenswerten Bandcamp »Weekly Show« Rede und Antwort. Zum Beispiel erzählt er, warum er keine Lust mehr hatte, Demos an Labels zu schicken und stattdessen mit Nico Stojan das Label Ouïe gründete: um ihre Musik und die von Freunden zu veröffentlichen. Auf BLD gibt Gretschmann sich weiter seiner Liebe zu Sampler und Modularsynthesizer hin — und Bassdrums bleiben draußen.
bandcamp.com/?show=221, ouie.bandcamp.com
Von: Marco Trovatello
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