StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 8.2017

Kategorie: Kommunal
Stichwort: Großmarkt

Nicht ganz frisch

Der Rat beschließt, was längst beschlossen war: Der Großmarkt zieht nach Marsdorf


Laut CDU auch überflüssig: Großmarkthalle in Raderberg, Foto: Dörthe Boxberg

Es gibt die übereilten Entscheidungen, die Köln ruinieren. Und es gibt die Entscheidungen, die Irrwege nehmen und irgendwann versanden. Beschlüsse werden gefasst, um sie wieder zu hinterfragen, die Umsetzung wird verzögert und am Ende steht wieder alles auf Anfang. Genau das passierte bei der Debatte um den Kölner Großmarkt in Raderberg. Es ist sogar noch ein bisschen verrückter.

 

Vor zehn Jahren beschloss der Rat, dass der Großmarkt nach Marsdorf zieht, wo er 2020 als modernes Frischezentrum neu eröffnen sollte. Mit »Zukunftsausrichtung des Großmarktes in Köln« war die Ratsdebatte vom Juni 2007 passenderweise überschrieben.

 

Jetzt ist die Zukunft. Am 11. Juli haben CDU, SPD, Grüne und Linke im Rat die endgültige Entscheidung über den Großmarkt getroffen. Sie umfasst, grob gesagt, das, was auch schon vor zehn Jahren entschieden wurde. Nur, dass sich die damalige Frist im Jahr 2020 jetzt natürlich nicht mehr einhalten lässt. Das Frischezentrum in Marsdorf kann erst 2023 fertig sein, ein halbes Jahr darauf sollen die Großhändler umziehen, und frühestens 2025 können die Großmarkt-Hallen in Raderberg umgebaut werden, die in das neue Großquartier »Parkstadt Süd« integriert werden. »Bei optimalem Verlauf«, heißt es in der Beschlussvorlage.

 

Dass ein Frischezentrum nötig ist, bestreitet kaum jemand. Nicht Politik und Verwaltung, nicht Handel und Großhändler. Es sichere die Existenz von Restaurants und kleinen Händlern im Viertel, aber auch die Unabhängigkeit von Discountern und Vollsortimentern, die eigene Logistikketten haben.

 

Trotzdem geriet das Projekt in den Leerlauf. Zwar wollen alle das Frischezentrum — niemand aber will es im eigenen Stadtbezirk. Denn LKW-Fahrten führen zu mehr Staus, Lärm und Abgasen. Davon wird nun der Stadtbezirk Lindenthal betroffen sein. Dass die dortige schwarz-grüne dominierte Bezirksvertretung mit Initiativen einmütig protestierte, verfängt sich im Stadtrat. Die grüne Ratsfraktion  hat nie verhehlt, sich über ihre Parteifreunde aus Lindenthal hinwegsetzen zu wollen. Den Ratspolitikern der CDU fällt das schwerer. Die Fraktion zögerte eine Entscheidung hinaus — zuletzt mit einer neuen Standortuntersuchung, die erwartungsgemäß zu keinen neuen Ergebnissen kam. Weilerswist ist zu weit weg, Bornheim lehnte dankend ab, in Hürth geht es wegen angrenzender Industrie nicht, in Brühl müsste erst jahrelang eine Ortsumgehung gebaut werden. Es bleibt nur: Marsdorf. Die CDU stimmte zähneknirschend zu.

 

Auch ihr Partei- und Fraktionschef Bernd Petelkau fand keinen neuen Standort, aber stattdessen ein letztes Hintertürchen. Und an dieser Stelle wird es absurd: Petelkau stellte am Ende der Debatte die Notwendigkeit eines Frischezentrums in Frage. Die Botschaft lautete: Wir stimmen zu, aber vielleicht ändert das gar nichts. Petelkau erntete viel Spott für sein rhetorisches Manöver, das wohl dazu dienen sollte, die Lindenthaler Parteifreunde sanftmütiger zu stimmen. Die Erfahrung der vergangenen zehn Jahre lehrt aber, dass nicht auszuschließen ist, dass selbst das noch jemand ernst nehmen könnte.

 

 


Von: Jan Lüke, Bernd Wilberg
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