StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 12.2017

Kategorie: Literatur
Stichwort: Literatur

Ein Schelm, der nie Böses denkt

Ein Kommunist wird zum Wendegewinner: Ingo Schulze hat einen tollen Schelmenroman geschrieben


Blühende Lockenlandschaft: Ingo Schulze

 

Peter Holtz ist ein Mensch voller Widersprüche. Als Waisenkind wächst er in einem Kinderheim in der DDR auf, wo er die Phrasen der Heimleiter und Politkader im real existierenden Sozialismus etwas zu wörtlich nimmt. Im Restaurant weigert er sich, sein Essen zu bezahlen, weil im Kommunismus Geld ja keine Rolle spiele. Und als er vor der Klassenkeile seiner Mitschüler über ein Kartoffelfeld flieht, muss ihm ein Erntearbeiter nur von der besten Kartoffelsorte vorschwärmen, damit Holtz freiwillig einen Subbotnik leistet. Als Jugendlicher gröhlt er Arbeiterlieder und FDJ-Songs und erfindet so den Ost-Punk. Als ihn die Stasi daraufhin verhört, freut er sich über das Interesse der »Musikexperten« . Später wird er Mitglied der Ost-CDU, weil sich christliche und sozialistische Werte zumindest in den jeweiligen Heilsschriften ja nicht ausschließen, sondern ergänzen. Und nach der Wende fällt ihm als Maurer das Glück zu, alte Immobilien geschenkt zu bekommen, mit denen er dann ein Vermögen anhäuft, nur um es in der aufsteigenden Kunstszene in Berlin-Mitte wortwörtlich zu verbrennen.

 

Peter Holtz ist ein Schelm klassischen Zuschnitts — ein Forrest Gump des Realsozialismus, den sein Schöpfer Ingo Schulze von den DDR-Wirtschaftsreformen ab Anfang der Siebziger bis zur Renaissance von Berlin-Mitte in den 1990ern begleitet. Seit »Simple Storys« (1998) ist das Schulzes Lebensthema, aber diesmal hat er seinen Stil geändert. »Peter Holtz: Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst« ist schon im Titel eine Hommage an die Schelmenromane des 16. und 17. Jahrhunderts. Nur dass sein Held nicht gegen Windmühlen kämpft, sondern die Geschichte ihm permanent Rückenwind verschafft. Erzählt wird das alles mit der Naivität des Protagonisten, die Reflektion und Retrospektive durch das Erzählen im Präsens ersetzt. Peter Holtz’ geht unbeschädigt hoffnungsvoll durchs Leben und verkörpert damit einen Wendetypen, den es nicht mehr gibt: diejenigen, die den Sozialismus 1989 als gescheitert sahen, aber nicht an den Kapitalismus glauben wollten.

 

 

Ingo Schulze: »Peter Holtz: Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst« S. Fischer, 576 S., 22 Euro

 

StadtRevue präsentiert Mi 29.11., Kunststation St. Peter,
19.30 Uhr (Karten beim Literaturhaus)

 

 

 


Von: Christian Werthschulte
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