StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 1.2018

Kategorie: Literatur
Stichwort: Lesung

Tabubruch mit Arschtritt

Der Schriftsteller Mohammed Hanif beschreibt die Tabus der Gesellschaft Pakistans


Sanfte Augen, scharfer Intellekt: Mohammed Hanif, Foto: Herbert Woyke, Konturwerk/a1 Verlag

»Dass Diktatoren in der dritten Welt unter mysteriösen Umständen in die Luft fliegen, ist nichts Ungewöhnliches«, schreibt Mohammed Hanif in seinem Roman »Eine Kiste explodierender Mangos« — »aber wenn der hellste Stern am Firmament des US-amerikanischen diplomatischen Dienstes mit acht pakistanischen Generälen abstürzt, wäre zu erwarten, dass zumindest irgendjemand Arschtritte verteilt«. 1988 kamen der pakistanische Militärdiktator Mohammed Zia-ul-Haq, ranghohe Militärs und der amerikanischen Botschafter nach der Explosion einer Flugzeugbombe ums Leben. Die vom Protagonisten erwarteten Arschtritte sind ausgebleiben; bis heute ist ungeklärt, ob ein technischer Defekt oder ein Attentat zum Absturz führte. Zia-ul-Haq hatte Pakistan seit seiner Machtübernahme 1977 in einen islamischen Gottesstaat verwandelt und sich viele Feinde gemacht — ein Anschlag ist naheliegend.

 

Der 1965 geborene Mohammed Hanif war 1988 Rekrut der Luftwaffe, mit 16 hatte er sich mangels Perspektiven für 18 Jahre verpflichtet. Den Tod Zia-ul-Haqs nutzte er, um das Militär zu verlassen und Journalist in Karatschi, der größten Stadt Pakistans, zu werden. Durch seine Reportagen über die Abgründe der pakistanischen Gesellschaft, über Gewalt, Gangs und Korruption, wurde die BBC auf Hanif aufmerksam und holte ihn 1996 nach London. 2008 erschien sein Romandebüt »Eine Kiste explodierender Mangos«, das zu einem internationalen Bestseller und für den Booker Preis nominiert wurde. Der satirische Roman versammelt alle kursierenden Theorien über den Absturz der Militärmaschine und bricht diverse Tabus der pakistanischen Gesellschaft, angefangen bei der expliziten Thematisierung von Homosexualität bis hin zur Darstellung Zia-ul-Haqs als paranoide und unter Verstopfungen leidende Witzfigur. Obwohl in Pakistan die Kritik am Islam und den politischen Führern zu einem Problem werden kann, kehrte Hanif 2008 nach Karatschi zurück, wo er bis heute als Korrespondent der BBC arbeitet. Auch in seinem zweiten Roman »Alice Bhattis Himmelfahrt« (2011) übt er Kritik am Machismo, religiösem Fanatismus und der Tabuisierung von Sexualität in Pakistan. Die Arschtritte verteilt Hanif heute selbst.

 

Do 11.1., Stadtgarten, 20.30 Uhr

 

 


Von: Jonas Engelmann
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