StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 2.2018

Kategorie: Kommunal
Stichwort: Verbote

»Es gibt die Tendenz zu Law and Order«

Frank Überall über den Sinn von Verboten und Köln als traditionell dreckige Stadt


»Verbote verwirren uns«: Frank Überall im Schilderwald, Foto: Dörthe Boxberg

Herr Überall, warum haben Sie ein Buch über Verbote geschrieben? Fühlen Sie sich im Alltag gegängelt?

 

Angefangen habe ich das Projekt mit meinem Kollegen Wolfgang Jorzik. Er hat eher kuriose Verbotsschilder in einem verlassenen Industriegelände in Köln-Mülheim fotografiert, etwa: »Nicht mit den Fingern in die Maschinen greifen«. Unser Traum war, ein Buch zu machen und mit Soziologen, Kriminologen, Theo-logen und Medizinern darüber zu diskutieren, was Verbote eigentlich mit uns machen. Eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit dem Thema gibt es bisher nicht. Dann ist mein Kollege an Lungenkrebs verstorben. Der Erlös des Buches geht nun an seine Familie, für die Ausbildung seiner Kinder.

 

 

Was haben Sie herausgefunden? Was machen Verbote mit uns?

 

Zum großen Teil verwirren sie uns. Wir haben ein angespanntes Verhältnis zu ihnen. Wenn wir ehrlich sind, haben wir alle schon mal Verbote übertreten. Die berühmte rote Ampel ist nur ein Beispiel. Zum Teil hat man in anderen Bundesländern, Städten oder sogar innerhalb der Stadt unterschiedliche Verbotsregime. In Köln darf man in vielen Parks grillen, in anderen nicht. Und ich habe den Eindruck: Es hat sich verschärft, auch in Köln. Vieles, was früher selbstverständlich war, darf man heute nicht mehr. Hunde freilaufen lassen im Park etwa. 

 

 

Es gibt aber auch Dinge, die früher verboten waren und heute erlaubt sind.

 

Ja, zum Beispiel der Paragraf 175, der bis 1994 homosexuelle Handlungen unter Strafe stellte. Durch dieses Beispiel wird deutlich, dass hinter vielen Verboten menschliche Schicksale stecken. Es braucht einen gesellschaftlichen Diskurs, um solche Verbote aufzuweichen oder abzuschaffen. Aktuell erleben wir die Diskussion über die Freigabe von Marihuana und weichen Drogen. 

 


Die Kölner sehen sich gerne als besonders liberal und weniger obrigkeitshörig als der Rest des Landes. Ist das tatsächlich so?

 


Nach dem Krieg sagte der Kölner Kardinal Frings: Wenn ihr Hunger leidet und friert, dürft ihr Essen und Kohlen klauen. Das nannte man fringsen. Man drückt hier eher mal ein Auge zu, das macht die Stadt lebens- und liebenswert. Trotzdem gibt es auch hier Tendenzen in Richtung »Law und Order«: die massive Einschränkung von Straßenmusik beispielsweise. Es gab auch eine Zeitlang das Verbot, Pfandflaschen aus öffentlichen Mülleimern zu ziehen, das wurde aber nach Protesten wieder zurückgenommen. 

 

 

In der Kölner Stadtordnung wird versucht, der Verschmutzung Herr zu werden. Ausspucken oder die »fortgeschrittene Form des Ausspuckens mit Kaugummi« ist verboten, ebenso das Shisharauchen am Rheinboulevard.

 


Köln ist erwiesenermaßen traditionell dreckig. Das ist in den Kölnern einfach drin. Zugewanderte adaptieren das sehr schnell. Kaugummis wegwerfen, Wildpinkeln — da muss es ein grundsätzliches Umdenken geben. Das kriegt man nicht allein mit Verboten und Sanktionen hin. Wir wollen alle nicht in einer Stadt leben, in der wir ständig kontrolliert und sanktioniert werden. Das passt nicht zu Köln. 

 

 

Ertappen Sie sich nicht manchmal bei dem Gedanken: Das gehört doch verboten!

 


Ich habe mich viel mit dem Kölner Klüngel beschäftigt, und ja: Manche Dinge kann ich immer noch nicht glauben. Vor zwanzig Jahren waren Schmiergeldzahlungen ohne Angabe des Empfängers als besondere Aufwendungen steuerlich absetzbar, also faktisch erlaubt. Heute ist das nicht mehr so. Aber man sollte am besten für jedes Verbot, das man einführt, ein anderes abschaffen. Gott hat zehn Gebote gemacht, auf die sich so ziemlich alle einigen können. Hätte er ein telefonbuchdickes Verbotereglement erstellt, wäre es wohl nicht beachtet worden.

 

 

Frank Überall ist Journalist, Vorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbands und Professor an der Kölner Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft. »Es ist untersagt. Wie uns Verbote verwirren — und warum wir sie trotzdem brauchen« New Business, 200 S., 24,80 €
Von: Anne Meyer
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