StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 2.2018

Kategorie: Thema
Stichwort: Architektur

Kritik der Körnerfresser

Köln ist als Bürgerstadt ent­stan­den. Heute sind es jedoch meist ­Investoren, die die Stadt weiter bauen. Im Interview sprechen Jörg Beste und Peter Berner vom Architektur Forum Rheinland darüber, was das für die Identität der Stadt bedeutet — und wie die Bürger wieder stärker beteiligt werden können


Haben ein Herz für 70er-Jahre-Architektur: Jörg Beste (links) und Peter Berner

Herr Berner, Herr Beste, sehen Sie die bauliche Identität von Köln in Gefahr? Oder warum befasst sich das Architektur Forum Rheinland in diesem Jahr mit dem Thema »Bürgerstadt weiterbauen — Stadtentwicklung und Identität«?

 

Jörg Beste: Es gibt immer mehr Orte in der Stadt, an denen man mit halb zusammengekniffenen Augen nicht mehr weiß, ob man in Köln, Stuttgart oder Frankfurt steht. Diese gleichförmige Gestaltung mit den immer gleichen Fassaden über die Städte hinweg führt schon dazu, dass die Identität einer Stadt verwässert. 

 

 

Wie erklären Sie sich diese Gleichförmigkeit?

 

Beste: Sobald im großen Maßstab geplant wird, kommen nur noch finanzstarke Investoren infrage, die das Projekt entwickeln können. Sie verkaufen anschließend sofort weiter und können nichts wirklich Individuelles entwerfen, sondern müssen dem Mainstream entsprechen, um auf dem anonymen Markt bestmögliche Vermarktungschancen zu haben. Es werden auch die gleichen Architekturbüros und Baufirmen beauftragt, ganz einfach deshalb, weil es nur wenige gibt, die in so großem Maßstab bauen können. Da gleicht sich dann natürlich auch die Architektursprache.

 

Peter Berner: In Zeiten, in denen es einen großen Bedarf an Wohraum gibt und man jede Wohnung an den Mann bringen kann, ist das nutzerorientierte Denken nicht sehr stark verbreitet. 

 

 

In der wenig abwechslungsreichen Architektur sehen Sie nur einen Teil des Problems. Welche Folgen hat das Bauen im großen Maßstab noch?

 

Berner: Es kann ein Problem werden, wenn großformatige Bestände an eine kleinteilige Eigentümerschaft, etwa als Eigentumswohnungen, verkauft werden. Damit werden statische Systeme erzeugt.

 

Beste: Je kleinteiliger die Eigentumsstruktur, desto weniger kann ich sie verändern, wenn sie irgendwann nicht mehr funktioniert. In Chorweiler besaß eine Heuschrecke Tausende Wohnungen und ließ sie verlottern. Das war schlimm genug, aber die konnte man wenigstens beim Kragen packen. Die Stadt hat die Wohnungen ja inzwischen zurückgekauft. Am Kölnberg ist das Eigentum in tausend Einheiten zersplittert. Dort kann ich niemanden für die Verwahrlosung verantwortlich machen, weil ich das Eigentumsverhältnis nicht mehr aufgelöst kriege. 

 

 

Müssen also öfter kleinere Häuser gebaut werden?

 

Berner: Wenn ich von kleineren Häusern in der Stadt träume, führt das oft zu Problemen bei der Nutzung. Größe hat ein großes Potenzial zur Mischnutzung: Wenn ich im Erdgeschoss einen Supermarkt haben will, braucht der eine gewisse Größe. Das ist heute einfach Standard. Körnigkeit und Mischnutzung hängen also zusammen.

 

 

Im März widmen Sie eine ganze Veranstaltung dem Thema Grundstück und Parzelle. 

 

Berner: Die Identität einer Stadt hängt zu einem erheblichen Teil an der Körnigkeit, also der Größe ihrer Bausteine. Wenn darüber gleich zu Beginn eines Planungsprozesses — oder zumindest frühzeitig — diskutiert würde, wäre das schon ein Schlüssel zur Lösung.

 

Beste: Köln ist keine Residenzstadt wie München oder Düsseldorf, sondern eine Bürgerstadt mit feinkörnigen Strukturen, man denke nur an die mittelalterlichen Par-zellen der Schildergasse, die Dreifensterhäuser in Nippes oder die Kleinteiligkeit von Sülz. Wenn nun für Neubauten zwanzig oder dreißig dieser Parzellen zusammengefasst würden, sieht man den Vergröberungseffekt. Der nimmt immer stärker Fahrt auf.

 

 

Wollen Sie sagen, dass die Kölner Stadtplaner da noch nie drüber nachgedacht haben?

 

Beste: In der Diskussion zwischen Politik und Verwaltung ist das als Thema noch nicht ganz angekommen. Dass über diese Maßstäblichkeit explizit miteinander diskutiert wurde, habe ich so zum ersten Mal intensiv beim Wettbewerb zum Deutzer Hafen erlebt. Das Büro Trint und Kreuder hatte in seinem Beitrag Baublöcke mit einer radikalen Parzellierung und einer überall vorgeschriebenen Nutzungsmischung vorgesehen. 

 

 

Es gab aber doch schon häufig Proteste gegen »Klötze« oder »Monolithe«, zum Beispiel beim ursprünglich geplanten Shoppingzentrum auf dem Heliosgelände in Ehrenfeld.

 

Beste: Klar, in der interessierten Bürgerschaft und bei Engagierten war das schon vorher Thema. Und man sieht ja am Beispiel der Köln-Arcaden in Kalk, welche Folgen das hat. Wenn man das Grundstück parzelliert hätte, wäre die Struktur der Kalker Hauptstraße weitergestrickt worden. Dann hätte man erkennbare Häuser mit Eingängen und Ladenlokalen. Jetzt hat man nur ein großes »Eingangsloch«, in das die Leute hineingesaugt werden, ansonsten sind ganze Straßenstrecken verödet. Wenn die Arcaden aber irgendwann mal nicht mehr funktionieren, ist das eine große Ruine. Wenn auf der Kalker Hauptstraße ein Dönerbräter mal nicht mehr läuft, ist da ruckzuck ein Nagelstudio drin. Das ist leicht veränderbar.

 

 

Eine gewisse Einsicht herrscht bei der Stadt. Zumindest hat sie verhindert, dass auf dem Gelände des WDR-Karrees gegenüber vom Dom eine Shopping Mall entsteht.

 

Berner: Dort hat ein Entwickler vor Jahren mit System Immobilien zusammengekauft. Er wollte die Große Budengasse überbauen, um eine Mall zu errichten. Da haben Verwaltung und Politik insistiert: Das ist unser Planungsrecht, du kannst hier keine Straße einziehen.

 

 

Beste: Der Stadtentwicklungsausschuss hat beschlossen, dass hier die Maßstäblichkeit beachtet werden soll, und dass an allen Seiten der Gebäude erdgeschossige Nutzungen vorzusehen sind. Es herrschte Einigkeit darüber, dass man keine Mall-Lösung will, bei der die Seitenstraßen durch LKW-Anlieferverkehr veröden und man höchstens noch Servicepersonal sieht, das eine Kippe raucht. 

 

 

Neben der Frage nach der Größe der Bausteine wollen Sie auch eine Diskussion über die Architektur der 60er und 70er Jahre anstoßen. Warum ausgerechnet diese Epoche?

 

Berner: Köln ist stark durch diese Bauphase geprägt, gleichzeitig ist die Architektur dieser Zeit nicht sehr beliebt. Der Bestand wird schnell als nicht weiter nutzbar definiert und abgerissen, ohne nach seinen Qualitäten zu fragen. Auch dadurch verändert sich die bauliche Identität.

 

Beste: Wir wollen und können nicht alles im Sinne des Denkmalschutzes konservieren. Aber man kann die Strukturen doch weiterentwickeln. Zum Beispiel könnte man Bürobauten aus dieser Epoche unter Umständen in Wohnungen umnutzen, so wie beim BDI-Hochhaus in Bayenthal. Man sollte sich fragen: Ist die Substanz erhaltenswert — und wenn nicht kulturell, dann wenigstens ökologisch? Zumindest kann man die graue Energie nutzen, die da rumsteht.

 

 

Sie meinen, man kann die Gebäude recyclen?

 

Beste: Genau. Die Produktion von Zement verbraucht global so viel Energie wie der gesamte weltweite Flugverkehr pro Jahr. Es ist eine gigantische Energieverschwendung, das alles abzureißen und wieder neu zu produzieren.

 

Berner: Die Frage nach den Beständen hängt auch mit der Maßstäblichkeit zusammen. Wenn man etwas abreißt, folgt meist eine Vergröberung, und auf vier alte folgt ein neues Gebäude. Dazu kommt die Frage nach der Mischung. Wir sind der Meinung, dass man diese drei Themen zusammen diskutieren muss, um zu einer Lösung beitragen zu können. 

 

 

Welche Städte bauen denn vorbildlich, was die genannten Themen angeht?

 

Beste: Die Städte Tübingen und Freiburg haben ab den 90er Jahren Parzellengrößen erstellt, die sich drei oder vier Eigentümer teilen können. So kamen individuell greifbare Bauherrn zum Zuge, die sich auch für das Umfeld interessieren. Das Großmarktgelände könnte die Stadt Köln doch auch kleinteilig parzellieren und den Bürgern zur Entwicklung anbieten — und nicht der Projektentwicklungsgesellschaft XY.

 

Berner: In den Niederlanden wird das Nebeneinander von Groß und Klein seit eh und je als aktives Mittel in der Stadtplanungspolitik eingesetzt. 

 

Beste: Im Amsterdamer Hafen sieht man, wie großformatige Bauten mit kleinteiliger Eigentümerbebauung kombiniert werden. Damit das Bauen preiswerter wird, baut man eben in einem Block dreimal das gleiche Haus an unterschiedlichen Stellen. Eine weitere Möglichkeit, individuell und preiswert zu bauen, sind Baugruppen.

 

 

Mit dieser Art von Ideen tut sich Köln ja nicht immer leicht.

 

Beste: Nein, aber jetzt ist die beste Zeit, darüber zu sprechen, weil in 2018 das Stadtentwicklungskonzept neu aufgelegt wird. Amtsleiterin Brigitte Scholz hat angekündigt, das partizipativ zu entwickeln. Es geht um die Frage: Wem gehört die Stadt? Wenn Köln eine Bürgerstadt bleiben will, müssen die Bürger auch die Gelegenheit bekommen, sich an der baulichen Entwicklung ihrer Stadt zu beteiligen.

 

 


Von: Anne Meyer
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