StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 3.2018

Kategorie: Theater
Stichwort: Import-Export-Kollektiv

Weiblich, schwarz, geflüchtet

Das Import-Export-Kollektiv am Schauspiel Köln erforscht in »real fake« die Klischees, die an fiktiven Netz-Identitäten kleben


Import-Export-Kollektiv: »Wir erzählen über uns«, Foto: Ana Lukenda

Real Fakes sind frei erfundene Identitäten, die sich Menschen auf Social-Media-Plattformen geben. Nicht um anderen das Geld aus der Tasche zu ziehen, sondern um mit einer perfekten, aber immer noch falschen Identität im Netz zu leben. Dafür erfinden sie ein fiktives Umfeld und eine Lebensgeschichte, die echt erscheint. Doch sie ist eine Lüge. Bassam Ghazi, Leiter des Import-Export-Kollektivs am Schauspiel Köln, und seine 19 Ensemble-Mitglieder haben sich für ihr neues Stück »real fake« nicht nur mit diesem Phänomen befasst.

 

 

Was hat Sie an real fakes gereizt?

 

Bassam Ghazi: Wir haben uns als Einstieg für unser neues Stück mit den Begriffen real und fake, Lüge und Wahrheit beschäftigt und uns die Fragen gestellt: Wie viel Fake, Fakten und Fiktionen der eigenen Rollen im Leben haben wir? Wie definieren wir uns selber? Was ist die wahre Identität und wann inszenieren wir uns? Sowohl im realen Leben, als auch im Netz. Daraus fokussierten wir immer mehr das Thema Zuschreibungen und Reduzierungen. Mit welchen Bildern, Klischees und Erwartungen wird Mensch besetzt? Wann werden diese Bilder und Sprüche diskriminierend und rassistisch? Wie sind unsere Körper besetzt? Deshalb habe ich mich auch entschieden, in diesem Stück mit der Choreografin Bahar Gökten zusammenzuarbeiten.  

 

Wie verarbeiten Sie diese Fragen?

 

Um dem Thema spielerisch näher zu kommen, wählten wir für einige Szenen das Setting von einem Casting, um mit dem Begriff »besetzen« zu improvisieren. Besetzung im Leben und im Theater wurde somit für uns immer mehr zum Kern des Stückes. Wir arbeiteten uns an den Kategorien ab, z.B. was es heißt, wenn jemand eine Behinderung hat oder queer ist, wo haben wir es mit Sexismus zu tun, wo geht es um Rassismus. Daraus sind Spielszenen und Monologe entstanden. Wir erzählen über Privilegien, über das Doppelleben zwischen den Kulturen, Routinekontrollen am Ebertplatz, Frau sein, ostdeutsch sein und noch vielem mehr. Wir wollen diese unterschiedlichen Stränge aber nicht zu Ende erzählen, sondern über eine große Bandbreite an Geschichten zeigen, dass diese Labels und Reduzierungen häufig ein Gefühl von Ohnmacht hinterlassen.

 

 

Was macht dann groß?

 

Diese Geschichten zu teilen, ist der erste Schritt, um aus diesem Gefühl auszubrechen und sich selber zu ermächtigen. Der Prozess ist manchmal schmerzhaft, aber umso wichtiger ist es, Macht und Struktur zu hinterfragen. Diesen Prozess versuchen wir künstlerisch umzusetzen und mit dem Publikum zu teilen. Nicht als Anklage, sondern mit einem bewussten, konfrontativen und humorvollen Blick.  

 

 

Entstand das Stück gemeinsam mit dem Ensemble?

 

Unsere Produktionen sind immer Stückentwicklungen mit dem Kollektiv. Wir arbeiten uns einander ab, handeln aus und verhandeln, eben der Import-Export-Kollektiv-Gedanke. Welche Geschichten fokussieren wir? Welche theatralen Formen und Ästhetiken suchen wir?  In den Endproben heißt es dann aber auch mehr und mehr, für mich Entscheidungen zu treffen und Regie im kollektiven Spirit zu führen. 

 

 

Worin zeigt sich diese Zusammenarbeit auf Augenhöhe?

 

Ein wichtiger Gedanke ist, dass wir, damit meine ich die Dramaturginnen Henrike Eis und Julia Fischer, uns Zeit nehmen. Nur so können wir den engen Austausch mit den Spielern garantieren. Am Anfang haben wir ein Experiment gemacht, drei Tage komplett ohne Lüge und fake auszukommen. Um fokussiert zu bleiben, sind wir aufs Land gefahren. Wir haben vieles ausprobiert und zwischendrin hatten alle jeweils fünf Minuten Zeit, zu erzählen, was sie wollten — ohne Lüge und ohne Kommentare. Die Fragestellung war: Wer bist Du wirklich? Diese 19 mal fünf Minuten waren sehr intensiv und emotional, haben auch viel Material geliefert. 

 

 

Wie verarbeiten Sie dann die Geschichten ihres Ensembles? 

 

Ich arbeite gerne mit dem Begriff Bastelbiografien, also biografisch-dokumentarisch-fiktional. Wir erzählen dabei die Geschichten nicht Eins zu Eins, sondern immer mit dem Anspruch, ein Spiel zu schaffen. Ein Spiel zwischen Realität, Fiktion und künstlerischer Konstruktion. Ein Spiel zwischen uns und dem Publikum, ohne offenzulegen, wie viel wir behaupten und wie viel wirklich wahr ist.

 

 

Warum ist ihnen das so wichtig?

 

Von Jugendensembles wird oft erwartet, dass sie auf der Bühne zeigen, wie authentisch sie sind und dass sie ihre eigenen Geschichten erzählen. Das versuchen wir zu durchbrechen, damit man von diesen Erwartungen wegkommt. 

 

 

Hat das Schauspiel Köln auch diese Erwartungen an sie?

 

Nein. Wir haben einen kompletten Freiraum. Außerdem werden unsere Ensemble-Mitglieder für die Proben und Auftritte auch bezahlt. Das ist eine Form der Wertschätzung, wie auch die professionellen Bedingungen, die uns zur Verfügung gestellt werden. 2016, nach unserem Stück »Wir über uns — Geschichten aus dem Kollektiv« das auch hausintern sehr viel positiven Zuspruch erfuhr, gab es die Ansage von unserem Intendanten Stefan Bachmann, dass wir ab der nächsten Spielzeit eine gleichwertige Produktion wie alle anderen werden. Und so werden wir auch behandelt. 

 

 

Verändert sich durch die Arbeit des Import-Export-Kollektivs ein Haus wie das Schauspiel Köln?

 

Der Anspruch wäre für uns zu vermessen. Wir leisten einen Beitrag dazu. Den Spielern fällt schon der Unterschied in der Diversität des eigenen Kollektivs und dem des Ensembles am Haus auf. Klar fragen sie sich, warum das in einer Stadt wie Köln so ist. Das haben wir genutzt und angefangen, neu zu erzählen. Vielleicht ist das der Anfang einer Veränderung. 

 

»real fake«, T: Import-Export-Kollektiv, R: Bassam Ghazi, 10. (P.), 13., 20.3., Depot 2, 20 Uhr

 

 


Von: Karnik Gregorian
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