StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 3.2018

Kategorie: Kommunal
Stichwort: »Edelgard«

Schutzzone Büdchen

In Geschäften und Kneipen mit dem Signet »Edelgard« sind Mädchen und Frauen sicher


Besser als Armlänge Abstand: Schulterschluss gegen sexualisierte Gewalt, Foto: Marcel Wurm

Drei Frauen stehen Schulter an Schulter, die Arme energisch vor der Brust verschränkt. Darunter prangt der Slogan »Die Würde von Mädchen und Frauen ist unantastbar. In Köln und überall«. Diese Plakataktion hat Ende vergangenen Jahres die »Kölner Initiative gegen sexuelle Gewalt« ins Leben gerufen. Unmittelbar nach den Übergriffen in der Silvesternacht 2015 hatte sich das breite Bündnis gegründet mit dem Ziel, die Alltäglichkeit sexualisierter Übergriffe gegen Frauen sichtbar zu machen — und in der von Rassismus durchzogenen Debatte Position zu ergreifen.

 

Seitdem sind geschulte Mitarbeiterinnen auf Großveranstaltungen in einem Beratungsbus unterwegs. Über die Karnevalstage stand der Bus auf dem Willy-Millowitsch-Platz zwischen Breite Straße und Ehrenstraße. »Die Reaktionen auf unser Angebot waren sehr positiv«, sagt Frauke Mahr vom Verein »Lobby für Mädchen«. Sie koordiniert die Initiative. Wie groß der Bedarf sei, könne sie nicht sagen. Allein in der Nacht vom 11.11. hätten jedoch drei Betroffene die mobile Hilfestelle aufgesucht.

 

»Geschützte Orte« will die Initiative nun auch im öffentlichen Raum etablieren. Im Rahmen des Projekts »Edelgard« hat sie den Einzelhandel aufgerufen, mit einem Signet am Ladenfenster Teil des Netzwerks zu werden. Wer mitmachen möchte, nimmt vorab an einer zweistündigen Veranstaltungen teil: Wie können Betroffene unterstützt werden, wenn sie Belästigungen oder Übergriffe erlebt haben? Was gilt es in solchen Situationen zu beachten? Und welche Beratungsstellen gibt es? Seit dem Start des Projekts im Januar haben sich bereits rund 70 Läden, Restaurants und Kneipen angemeldet.

 

Laut Studien haben rund 40 Prozent der Frauen in Deutschland seit ihrem 16. Lebensjahr körperliche oder sexuelle Gewalt erlebt. Die Dunkelziffer dürfte weitaus höher liegen. Was die Studie aber auch zeigt: Gewalt gegen Frauen wird überwiegend durch Partner oder Ex-Partner in der eigenen Wohnung verübt.

 

»Handlungsbedarf gibt es eigentlich überall«, sagt Dagmar Dahmen, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Köln. Sie setzt verstärkt auf Aufklärungskampagnen an Schulen, um junge Menschen schon früh für übergriffiges Verhalten zu sensibilisieren: »Gerade junge Mädchen bekommen hier Strategien an die Hand, wie sie sich in brenzligen Situation behaupten können.«

 

Als Hilfsmittel wird dort häufig die Begleit-App »Wayguard« empfohlen, die das Versicherungsunternehmen AXA in Zusammenarbeit mit der Kölner Polizei entwickelt hat. Sie spricht gezielt Mädchen und Frauen an, um ihnen »beim mulmigen Gefühl auf dem Weg nach Hause, beim Joggen oder nach der Spätschicht Sicherheit zu geben«. Mit Verhaltenstipps mahnt die Polizei zu umsichtigem Verhalten: Frühzeitig den Heimweg planen, im besten Fall in Gruppen, und sogenannte Angsträume meiden, also Orte, die man subjektiv als bedrohlich wahrnimmt.

 

Auf den ersten Blick erinnert das an den berühmt gewordenen Tipp von Oberbürgermeisterin Henriette Reker an alle Frauen, »eine Armlänge Abstand« zu halten, doch die App wird gut angenommen. Seit dem Start im Oktober 2016 hat die Notruf-Zentrale bundesweit rund 98.000 Begleitungen durchgeführt. »Uns war wichtig, die Hemmschwelle so niedrig wie möglich zu halten«, sagt Anja Krolle, Pressesprecherin von AXA. »Ein Anruf ist unverbindlich und kostet Frauen, die sich in einer Situation unwohl fühlen, deutlich weniger Überwindung als ein Anruf bei der Polizei.«

 

Frauke Mahr von der Kölner Initiative sieht diesen Vorstoß hingegen kritisch: »Hilfsmittel, die das subjektive Sicherheitsgefühl von Frauen stärken, sind gut. Aber sie können niemals ein Ersatz dafür sein, öffentlich Fakten zu benennen.« Denn die Debatte über Gewalt gegen Frauen — das zeigen auch die Zahlen von Übergriffen im privaten Umfeld — muss geführt werden. In Köln und überall.

 

 


Von: Philippa Schindler
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