StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 4.2018

Kategorie: Kunst
Stichwort: Oral History-Projekt

Kunstgeschichte für die Ohren

Ein Oral History-Projekt dokumentiert die aufregende Zeit des frühen Kölner Kunstmarkts


James Rosenquist Ausstellung ›slush thrust‹ in der Kölner Galerie Ricke, 1970, Foto: Wolf P. Prange; courtesy: ZADIK, Köln

Was war das für ein Aufbruch! 1955 wurde die erste Documenta in Kassel zum Weltereignis, in den USA machte die Pop Art den Alltag kunstfähig, dann kam das Rheinland: 1967 veranstaltete der »Verein progressiver Kunsthändler« den ersten Kunstmarkt weltweit, in Kölns »guter Stube«, dem Gürzenich. Köln und Düsseldorf agierten auf Augenhöhe mit New York. Wie kam es dazu? Die Journalistinnen Sabine Oelze und Marion Ritter haben Zeitzeugen getroffen und Stimmen gesammelt. Ein Interview über Interviews und den diskreten Charme der »Oral Art History«.

 

 

Die legendären 60er und 70er Jahre im Rheinland sind ja eigentlich gut erforscht, dachte ich zumindest. Wie entstand die Idee für das »Audioarchiv Kunst«? 

 

Marion Ritter: Die Initialzündung kam tatsächlich durch ein Interview, das wir mit dem Künstler Gotthard Graubner geführt hatten. Wir waren sehr begeistert davon, wie toll er von dieser Zeit erzählt hat, da tauchten Namen auf, die wir gar nicht kannten. Man merkte auch, dass es Graubner wichtig war, sich von dem heutigen Kunstmarkt abzugrenzen. Es ging nicht so sehr ums Finanzielle, wir reden über eine kleine Gruppe, die für einen neuen Kunstbegriff kämpfte. Wir sind rausgekommen und dachten: Das sind Stimmen, die man festhalten müsste! Graubner starb wenig später, und uns wurde klar, mit den letzten Zeitzeugen sind all diese Geschichten verschwunden.

 

 

Das Prinzip »Oral History« ist in der Kunstgeschichte bislang eher die Ausnahme. Was war eure Erfahrung mit dieser Form?

 

Sabine Oelze: In der Vielzahl der Gespräche, die wir geführt haben, entstand für uns ein sehr breites und lebendiges Bild. Wir versuchen natürlich auch, zwischen den Zeitzeugen Verbindungen herzustellen. Wenn etwa Rudolf Zwirner über Kasper König spricht, dann möchten wir auch König über Zwirner sprechen hören. Und man merkt, dass Geschichte von Menschen gemacht wird. Von allen, Künstlern, Sammlern, Galeristen, Kritikern ...

 

 

Nach welchen Kriterien habt ihr die Gesprächspartner ausgewählt?

 

Ritter: Nach den Recherchen hatten wie eine Liste von 100 Namen, die wir derzeit auf rund 40 reduziert haben. Die Bekannten mussten natürlich dabei sein, aber es gibt auch andere, die in der »offiziellen« Kunstgeschichtsschreibung gar nicht auftauchen. Leute wie Carl Rosarius, ein ganz früher Sammler, oder Carlo Schröter, der ab 1968 als Wirt in Düsseldorf das Restaurant Spoerri betrieb und die »eat art« bekannt gemacht hat. 

 

 

Sind so auch Figuren ins Zentrum gerückt, deren Rolle bislang gar nicht so gesehen wurde?

 

Ritter: Da könnte man die Rolle der Frauen anführen, die tatsächlich weniger gut dokumentiert ist. 

 

Oelze: Genau, Rissa zum Beispiel, Künstlerin und Frau von K.O. Goetz, die in der gleichen Klasse war wie Richter und Polke. Oder Ulrike Rosenbach! Die schildern sehr ausführlich, wie sehr sie kämpfen mussten, weil sie von der offiziellen Riege nicht ernst genommen wurden.

 

Was hat euch überrascht?

 

Oelze: Eine unserer Lieblingsgeschichten ist, dass sich Rudolf Zwirner von seinem Bruder Geld geliehen hatte, um seine Galerie zu eröffnen. Und der Deal war so, dass Zwirner seinem Bruder regelmäßig Kunst vorbeibrachte, unter anderem Zeichnungen von Cy Twombly. Carl Rosarius war der Kurier, fuhr also mit den Twomblys in seinem kleinen PKW nach Freiburg und es wurde ausgepackt — dann wurde sich erstmal beömmelt, was denn das für ein Quatsch sei, und dann haben sie Linien wegradiert. Einfach so. Die Arbeiten kosteten um die 200 Mark, der Bruder wollte sie gar nicht haben, Rosarius hat die ausradierten Twomblys also nach Köln zurückgebracht. Das war eben auch viel weniger auratisch als heute: Galerien hatten Werkstattcharakter, die Kunst verstand sich spielerischer.

 

 

So ein Rückblick ist Nostalgie, macht aber auch nochmal bewusst, welche Entwicklung das dann genommen hat, wie anders die Kunstwelt heute funktioniert. 

 

Ritter: Tatsächlich ist ja der eigentliche Unterschied die Menge — an Künstlern, an Galerien, an Kuratoren, an Messen weltweit... Damals gab es eine eingeschworene Gemeinde. Viel, eigentlich alles, lief über persönliche Kontakte. Jetzt kämpft jeder eher für sich selbst, gleichzeitig ist die Kunst globaler geworden. Damals gab es die Achse Köln-New York, heute will die ganze Welt Zugang haben.

 

Oelze: Ich finde es auch interessant, dass man damals wirklich so eine Utopie der Weltverbesserung hatte. Da hat man Künstlern carte blanche gegeben, man war Partner, wollte einfach an dieser aufregenden Sache teilhaben.

 

 

Es gab doch auch Ausschlüsse, denken wir an die Proteste von Beuys und Kollegen vor der Kunsthalle, weil drinnen die Galeristen ...

 

Oelze: ... aber Beuys wurde ja drinnen verkauft! Und dann wurde als Reaktion der »Neumarkt der Künste« gegründet, das hat Kurt Hackenberg, der damalige Kölner Kulturdezernent, clever eingefädelt!

 

Ritter: Welche Rolle dieser Kulturdezernent hatte! Er hat die ganze Szene damals zusammengehalten, und zwar sämtliche Künste, nicht nur die Bildende, auch Musik, Film, Video: Er hat allen ein Forum geboten. Die Rolle von Kulturpolitik, wieviel ein er zum Erfolg beigetragen hat, das war mir nicht so klar. 

 

Oelze: Hackenberg hat Zwirner ein Grundstück zur Verfügung gestellt! Das sollte eigentlich die Sparkasse bekommen, aber damit Zwirner nicht nach Düsseldorf abwandert, hat Hackenberg ihm den Vorzug gegeben — so waren die Prioritäten, Kunst vor Geld! Die Galeriearbeit verstand man auch als Kultur.

 

 

Zeitzeugen ausfindig machen, Treffen arrangieren, an die fünfzig Stunden Interviews führen und bearbeiten — gibt es Ermüdungserscheinungen? 

 

Ritter: Wir sind immer noch fasziniert. Ob es ein work in progress wird, das kommt auf die weitere Förderung an. Man könnte es als Archiv bis in die 80er und 90er fortführen. Das würde sich durchaus lohnen.

 

 

audioarchivkunst.de

 

Das Archiv geht am 12. April mit einer ersten Abfolge von zehn Interviews online und wird sukzessive ergänzt. Die ersten Zeitzeugen sind Mary Bauermeister, Renate Gruber, Konrad Klapheck, Kasper König, Walther König, Gary Kuehn, Rissa, Rolf Ricke, Wibke von Bonin, Rudolf Zwirner.

 

Am 22.4. wird das Audioarchiv Kunst bei einem Art Cologne-Talk vorgestellt (Halle 11.3, Stand B 56, 16 Uhr)

 

 


Von: Melanie Weidemüller
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