StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 4.2018

Kategorie: Musik
Stichwort: Neue Musik

Ringen mit der Zeit

Der Komponist Bernd Alois Zimmermann blieb bis zu seinem jähen Lebensende radikal unkonventionell


Bernd Alois Zimmermann

© Erben Zimmermann

»Hey Jude, don’t make it bad. Take a sad song and make it better«: Mitten in »Requiem für einen jungen Dichter«, einem seiner letzten großen Werke, das Bernd Alois Zimmermanns ein Jahr vor seinem Suizid 1970 schrieb, quäken plötzlich die Beatles in die düstere Collage. »Hey Jude«, das Paul McCartney für John Lennons Sohn (der unter der Trennung seiner Eltern litt) geschrieben hatte, rangierte Ende 1968 fast dreißig Wochen auf Platz 1 der deutschen Hitparade. Kurz angerissen bleibt der Soundschnipsel dieses Trostlieds über dem einstündigen »Requiem« wie ein Signum der Entstehungszeit hängen. Zimmermann zitierte eine Band, die wie kaum eine andere Gruppe dieser Popularität Techniken der Avantgarde in ihre Songs integrierte. Und die nichtsdestotrotz in der Ernste-Musik-Szene wenn überhaupt als Scharlatane wahrgenommen wurden.

Dass Zimmermann das Stück in seine Komposition setzte, zeugt von seiner Unerschrockenheit und seiner Affinität zur populären Musik. Die Nachkriegsavantgarde war stets darum bemüht, sich von der sogenannten Unterhaltungsmusik abzugrenzen, aber dann: Zwölf Sekunden Beatles auf dem Scheitelpunkt eines ursprünglich als unaufführbar geltenden Stücks für zwei Sprecher, Solisten, drei Chöre, Tonband, Jazzband, Orgel und großes Orchester. Und das Zitat fordert den Hörer auf, trotz Krise weiterzumachen: »Make it better«!

Das weltoffene Musikuniversum des Kölner Komponisten verblüffte nicht nur seine Zeitgenossen. Auch heute bleibt angesichts dieses Werkes, das auf der Höhe seiner Zeit balanciert, ein Ungenügen über die oft hermetisch vor sich hin werkelnde Neue-Musik-Szene der Gegenwart zurück.

Das Lingual »Requiem für einen jungen Dichter« ist eine Totenmesse für den Intellektuellen der ersten Jahrhunderthälfte. Es geht um Sprache als Ort des Kampfes um Köpfe und Herzen. Die liturgischen Texte dieser Begräbnisfeier liefern Mao, Goebbels, Augustinus, Konrad Bayer und Dutzende anderer Feuerköpfe und Totengräber des 20. Jahrhunderts. Ein Sterbeamt also für einen nicht mit Namen genannten Schriftsteller. Zimmermann nennt aber ein genaues Zeitfenster, in dem dieser prototypische Schriftsteller des 20. Jahrhunderts gewirkt und gelebt hat, es sind die Jahre 1920 bis 1970.

Dass diese Daten fast genau mit seinen Lebensdaten (1918-1970) übereinstimmen, mag Zufall sein. Doch die Widmung des Requiems an den volkstümlichen »Dorfpoeten« Sergei Jessenin, den Sowjetfuturisten Wladimir Majakowski und den Wiener-Gruppe-Dadaisten Konrad Bayer — allesamt durch die eigene Hand gestorben — nährt die Vermutung, dass hier auch die eigene Biografie Gegenstand der Verhandlung ist. Eine biographische Lesart des Stückes greift jedoch zu kurz.

Nicht zuletzt weil das Werk im Kontext der (damaligen) Avantgarde gehört werden will: Die Wucht, mit der Zimmermann seine Existenzialismen in Ton setzt — das gilt nicht nur das für »Requiem«, sondern auch für seine große Oper »Die Soldaten« sowie sein Vermächtnis »Ich wandte mich und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne« — ist bis heute überwältigend. Der Kölner Komponist, der ein paar Jahre älter als seine Kollegen Karlheinz Stockhausen und Pierre Boulez war, ist dabei Zeit seines Lebens ein Einzelgänger geblieben. Stockhausen, mit dem er gerne künstlerischen Austausch gepflegt hätte, verspottete ihn seiner Weigerung wegen, das Dogma der Seriellen Musik anzunehmen. In Köln blieb er durch Stockhausens Ächtung zunächst isoliert.

Anders als seine oft überstrengen Kollegen ist Zimmermann mit seiner pluralistischen, weitgehend hierarchielosen Musik ein offener Komponist par excellence. Seine Mittel waren nicht radikal im utopischen Sinne einer Musik für die Zukunft, sondern im Sinne einer zeitgemäßen Musik, einer Musik für die Gegenwart.


Das »Acht Brücken«-Festival (28.4.-11.5.) stellt anlässlich des hundertsten Geburtstags von Bernd Alois Zimmermann sein Werk in den Mittelpunkt. Mehr Infos unter achtbruecken.de


Stadtrevue präsentiert:

Do 10.5., »Ich wandte mich und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne«
, aufgeführt vom Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (Dirigent: Michael Wendeberg), Philharmonie, 20 Uhr

Requiem für einen jungen Dichter wird als Film-Essay von János Darvas und Thorsten Fricke am 7.5. im Kino im Museum Ludwig gezeiht (12.30 Uhr, Eintritt frei)

Zimmermann lesen: »Con tutta forza – Bernd Alois Zimmermann. Ein persönliches Portrait« von Bettina Zimmermann, Wolke Verlag 2018, 464 S., 34 Euro


Von: Bastian Tebarth
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