StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 7.2018

Kategorie: Film
Stichwort: Susanna Nicchiarelli 

Nico, 1988

Susanna Nicchiarelli zeichnet das unglamouröse letzte Lebensjahr der Kölner Sängerin nach


Als »beste Sängerin ohne Stimme« soll Ella Fitzgerald einmal Hildegard Knef bezeichnet haben. Sie kannte Nico nicht. Nico, mit richtigem Namen Christa Päffgen, war der ungeliebte Spross einer Kölner Brauerdynastie, in der für das spätere Topmodel und ihre Mutter kein Platz mehr war, nachdem der Vater nicht wieder aus dem Krieg heimkehrte. 1938 geboren, ist der Krieg ein prägendes Erlebnis für die kleine Christa. Der Blick des Mädchens auf das brennende Berlin steht dem Film der Italienerin Susanna Nicchiarelli leitmotivisch voran, wie der metaphorische Ausblick auf ein ruinöses Leben, das auf den frühen Starruhm der mit nur 49 Jahren verstorbenen Künstlerin folgen sollte.

 

Abgesehen von dieser Rückblende ist der Film ganz auf 1988 konzentriert, Nicos letztes Lebensjahr. Die Karriere als Laufstegschönheit wird völlig ausgespart. Für Nicchiarellis Nico bleibt davon nur die Erinnerung an ständige Diäten, die sie als Fortsetzung des Hungergefühls in ihrer Nachkriegskindheit empfindet. Ihre musikalischen Anfänge bei Velvet Underground sind nur in lästigen Interviewfragen präsent. Die gealterte Diva lässt sie maulfaul über sich ergehen, um ihrer Solokarriere zu neuem Auftrieb zu verhelfen. Ihre große Zeit liegt zwanzig Jahre zurück. Vor ihr liegen Nächte im klapprigen Tourbus mit Musikern, die ihr nur im Drogenkonsum ebenbürtig sind, mit Zwischenstopps in billigen Absteigen und Konzerten in schäbigen, kleinen Szeneclubs.

 

Die Dänin Trine Dyrholm spielt Nico, weniger um äußerliche Ähnlichkeit denn um Authentizität bemüht. Vom gefeierten Schönheitsideal der 60er Jahre lässt sich an der verlebten Endvierzigerin nichts mehr erkennen. Dyrholm hat auch alle Gesangsnummern selbst interpretiert und krönt damit eine beachtliche Schauspielleistung. Diese Stimme, oder vielmehr das Fehlen derselben in dem brüchigen, heiseren Gesang, war ein Markenzeichen. Dark Wave, Gothic und Ambient klangen bereits darin an. Und Dyrholm macht das nicht nur hörbar, sie lässt es nacherleben, lässt den Grund und Abgrund erkennen, aus dem ein ganz eigener Stil erwachsen ist.

 

Es ist kein ikonisches Starporträt, das Nicchiarelli zeichnet. Sie zeigt Momentaufnahmen eines sperrigen Lebenslaufs, die sich zu einer eindrucksvollen Hommage an eine visionäre Künstlerin summieren. Ohne die vorausgegangene Model-Karriere wäre Nico vielleicht nie eine erfolgreiche Sängerin geworden, ebensowenig wie Heidi Klum ein Fernsehstar. Auf Letzteres hätte man gerne verzichtet, Ersteres war ein Glücksfall.

 

 

 


Von: Manfred Müller
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