StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 10.2018

Kategorie: Theater
Stichwort: Festival Urbäng

Urbäng

Das Festival beglückt Köln mit aufregender Performancekunst


Körper als Spiegelbild von Erfahrung

Machen Frauen andere Kunst als Männer? Gibt es einen weiblichen und einen männlichen Blick? Diesen virulenten Fragen geht das Festival URBÄNG nach, das vor zwei Jahren auf Globalize:Cologne folgte und Köln nun in jedem Herbst mit aufregender Performancekunst beglücken wird.

 

Aufs Beglücken versteht sich auch Teresa Vittuci mit sattrot geschminkten Lippen, wenn sie in »All eyes on« masturbiert und im eigenen Körpersaft badet (der allerdings aus der Flasche kommt). Auf der Bühne hält sie Live-Sexchats mit »abspri77« oder »hothornyvienna« und haucht dazu wunderschöne Songs. Provokant macht sie gerade nicht, was die Männer im Netz von ihr wollen: am Ende wirken die Voyeure wie hilflose Handlanger einer cleveren Performerin, die stets die Machtfäden in der Hand hält. Vittuci ist eine der Künstle-rinnen, die beim Abend »Female Gaze« über Gender-Konstrukte diskutieren.

 

Ohnehin steht ein neuer Diskurs mit Zuschauern laut Kuratorin Stefanie Thiersch ganz oben auf der Festival-Agenda: Mit einem Bus-Shuttle fahren alle zum Tanzhaus NRW und nehmen auf der Bühne direkt Teil an der Gefühlserforschung »Common Emotions« der israelischen Choreografin Yasmeen Godder. In »Special Artists Talks« finden wir später zu intimen Tischgesprächen zusammen — ganz ohne intellektuelles mensplaining. Wie eine nicht-toxische Männlichkeit aussehen könnte, kann am ersten Abend auch der Israeli -Sharon Fridman beantworten im kraftvollen, chaotischen und berührenden Pas de Deux »Hasta Dondé«. Oder der New Yorker Paul Lazar, der so berührend selbstvergessen zu Einminuten-Geschichten von John Cage tanzt.

 

Toxische Machtkonstrukte unterläuft auch der Kölner Regisseur Jörg Fürst in »Das Loch«, wenn er im Bus auf eine surreale Begegnung zwischen Zukunft und Untergang einlädt, einen Tag, bevor der Hambacher Forst endgültig gerodet werden soll, geht es nach Manheim. Im halben Abriss-Dorf begegnen wir den letzten Bewohnern und lauschen Zukunftsutopien auf Kopfhörern — während rundum das größte Polizeiaufgebot der Nachkriegszeit in den Startlöchern steht. Ausweise nicht vergessen!

 

 

 

URBÄNG, Festival für performative Künste, 10.–13.10., Orangerie — Theater im Volksgarten 

 

Mi 10.10., ab 19 Uhr: Eröffnung mit Giw & Kilonzo, Performance über fluide Zustände des Seins, und Sharon Fridman: Hasta Dónde 

 

Fr 12.10., »Female Gaze«, u.a. mit Teresa Vittucci, 19.30 Uhr

 

Sa 13.10., »Das Loch. Untergang und Utopie« von Jörg Fürst, Matthias Jung, Rosi Ulrich (UA), Abfahrt 14 Uhr 

 

 

StadtRevue präsentiert: Abschlusskonzert: Sa 13.10., Ifriqiyya Electrique, 20 Uhr 

 

 


Von: Dorothea Marcus
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