StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 11.2018

Kategorie: Musik
Stichwort: We Used To Be Tourists, Kölsche Tön, Band, Köln, Musikszene, Gitarre

Kleine, persönliche Innovationen

We Used To Be Tourists spielen ihren Folk-Pop mit herzergreifender Note


Über die Jahre gewachsen: We Used To Be Tourists, Foto: Theresa Tropschuh

Ob Gesang, Gitarre, Banjo, Klavier, Mandoline, Viola oder Bass — bei der vierköpfigen Folk-Band We Used To Be Tourists gibt es keine strikten instrumentalen Zuweisungen. Jeder darf mal überall ran und gesungen wird gerne mehrstimmig aus einer Kehle, nur auf Schlagzeug wird in der Regel verzichtet. Die Ehrenfelder Formation entspricht ganz dem US-amerikanischen Bluegrass-Ideal, bei dem der Groove lediglich durch das perkussive Schrammen der Saiteninstrumente erzeugt wird.

 

Den Leadgesang übernimmt der 29-jährige Benedikt Schmitz, er  schreibt auch die Songs — mit englischen Texten, denn »was im Englischen wohlig und romantisch klingt, dass wirkt im Deutschen oft abgedroschen und schlagerhaft«. Oftmals drehen sich die Songs um die Vergangenheit: den bittersüßen Blick auf die verflossene Beziehung, die Kindheit auf dem Lande. Dabei schreibt Schmitz so pointiert, dass er mit seinen melancholischen Kurzgeschichten immer wieder ins Herz zu treffen vermag.

 

Der Sog entsteht durch die Inszenierung, bei der solides Handwerk auf die Macht der Stimmen trifft. Und so sind die perfekten, mehrstimmigen Gesangsarrangements das hervorstechendste Merkmal auf »The Benefit Of Doubt«, dem im Oktober erschienenen zweiten Album der Band (Couch’n’Candle/Broken Silence). »Der mehrstimmige Gesang ist über die Jahre gewachsen«, erklärt Isabell Honig, die vornehmlich Klavier spielt, singt und bezeichnender Weise auch als Stimmtherapeutin arbeitet, »wir haben einfach gemerkt, dass dieser Gesang unserer Musik steht und eine ziemliche Freude daran entwickelt, die Songs detailreicher zu gestalten«.

 

We Used To Be Tourists sind darauf bedacht, den Maßstäben, die innerhalb des Folk-Genres vornehmlich durch US-amerikanische Bands gesetzt werden, zu entsprechen — dennoch stellt sich natürlich die Frage nach der individuellen Note und dem Wunsch nach der Entwicklung eines unverwechselbaren Charakters innerhalb eines engen musikalischen Korsetts. »Das Wichtige dabei ist, sich zwar von anderen Künstlern inspirieren zu lassen, dann aber sein eigenes Ding draus zu machen«, findet Isabell, »nicht einfach kopieren, sondern herausfinden, welche kreative Prozesse dabei in Gang gesetzt werden und sich einfach mal aufs Bauchgefühl verlassen.« Letztlich sei es aber ohnehin nicht Anspruch, etwas komplett Neues in die Welt zu setzen, »sondern Musik zu machen, die zu einem passt, die sich mit dir selbst weiterentwickelt — also eher kleine, persönliche Innovationen«.

 

 


Von: Oliver Minck
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