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Ausgabe: 12.2018

Kategorie: Musik
Stichwort: Karlheinz Stockhausens grafischen Notationen

Das Sternenkind

Eine Ausstellung zeigt die grafischen Notationen von Karlheinz Stockhausen


Desktop Composer: Stockhausens Schreibtischunterlage

Karlheinz Stockhausen (1928–2007) agierte janusköpfig: Einerseits revolutionierte der in Kerpen bei Köln geborene Ausnahmekomponist die Musikszene der Bundesrepublik wie kein Zweiter. Er lud Pierre Boulez und John Cage nach Köln ein und machte die Domstadt in den 50er und 60er Jahren zu einer der weltweit wichtigsten Musikmetropolen. Seine Kompositionen, die er im Kölner Studio für elektronische Musik realisierte, sind, angefangen mit dem »Gesang der Jünglinge« (1956), Meilensteine der Neuen Musik. Andererseits war Stockhausen wegen seiner esoterisch grundierten Gigantomanie, die sich immer stärker Bahn brach, hoch umstritten. Das Werk des rheinischen Katholizisten nahm im Laufe der Jahre, so seine Kritiker, eine synkretistisch-mystische Färbung an, die seine musikalischen Innovationen verschatteten.

 

In der Ausstellung, die nun in der Villa Zanders in Bergisch-Gladbach zu sehen ist, finden sich vor allem grafische Notationen und Aufzeichnungen aus den Jahrzehnten nach 1970. Die großformatigen Blätter zeigen Partituren von Kompositionen etwa des monumentalen »Licht«-Zyklus, an dem Stockhausen fast drei Jahrzehnte arbeitete. Es sind ausdrucksstarke, mit großer Dynamik ausgeführte Arbeiten, die einen hervorragenden Einblick in Stockhausens kompositorisches Denken ermöglichen. Die »Klangbilder« zeigen einen Komponisten, der mit der Wucht des Überzeugungstäters, mit kindlicher Lust und der Präzision des Perfektionisten arbeitete. Stockhausen notierte, malte und zeichnete mit bunten Filzstiften komplexe Grafiken, die festhielten, was herkömmliche Notationen nicht mehr abzubilden in der Lage waren: Zeitangaben hielt der Komponist in roter Farbe fest, Klangfarben in orange, Dynamiken als Zickzacklinien, Wellen oder Pfeile in blau oder gelb. Darüber hinaus sind neben einigen Kostümen seiner Opern, Widmungsblättern und dem riesigen Tam-tam-Gong aus »Mikrophonie I« (1964) Schreibtischunterlagen ausgestellt, die, übersät mit feinen Kugelschreiber- und Bleistift-Notizen, Einblick in das Alltagsgeschäft des Komponisten geben. Sie sind Mind- oder Concept-Maps, die über Werkgrenzen hinaus das Universum Stockhausens nachzeichnen.

 

Mit den Jahren wurden die grafischen Arbeiten immer bildhafter und freier. Späte Bilder zeigen eine kindlich-naive Expressivität, die andeutet, dass sich Stockhausen womöglich gegen Lebens--ende aus seinem selbstgewählten »Gefängnis« — seine als missionarische Berufung verstandene Arbeit — befreien konnte. Begleitend zur Ausstellung sind fotografische Arbeiten der Berliner Künstlerin Johanna Diel zu sehen, die Apparate aus den Elektronischen Studios der Nachkriegszeit zeigen.

 

 

»Karlheinz Stockhausen — Klang Bilder«, bis zum 24.2.2019, Kunstmuseum Villa Zanders, Bergisch-Gladbach, villa-zanders.de

 

 


Von: Bastian Tebarth
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