StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 12.2018

Kategorie: Kommunal
Stichwort: Einzelhandelskrise

So geht’s nicht leer weiter

Trotz Weihnachtstrubel: Die Krise des Einzelhandels hat die Kölner City erreicht


Die »Zukunft des Warenhauses« beginnt gleich: Karstadt-Filiale in der Innenstadt, Foto: Marcel Wurm

Der Schein trügt. Im Advent drängen sich die Menschen auf Hohe Straße und Schildergasse, doch auch hier verschärft sich die Krise des Einzelhandels: Kampfpreise und Ramsch, das eintönige Angebot der Filialisten und zunehmend Leerstände — an diesen sogenannten 1a-Lagen war das bislang kaum -vorstellbar.

 

Während sich der Lebensmittelhandel und Drogeriemärkte gut entwickelten, sagt Birgitt Wachs von der Gesellschaft für Markt- und Absatzforschung (GMA) in Köln, stehe die Konsumgüterbranche unter Druck. »Unterhaltungselektronik, Elektrowaren, Bekleidung, Schuhe, Sport, Bücher, Spielwaren — hier hat der Onlinehandel maßgeblich Marktanteile dazugewonnen«, so die Handelsexpertin. »Die Wachstumsraten liegen bei jährlich zehn Prozent und mehr.« Den Zentren großer Städte drohe zunehmend Leerstand — ein Phänomen, das man bislang nur aus Kleinstädten kannte.

 

Birgitt Wachs ist bei der GMA dafür zuständig, ein neues Einzelhandels- und Zentrenkonzept im Auftrag der Stadt Köln zu entwickeln. Auf Grundlage einer »Totalerhebung des Kölner Einzelhandels« sollen mit der Stadt »Steuerungsinstrumente« entwickelt werden. 

 

»Dafür braucht es verlässliche Daten«, sagt Elisabeth Slapio von der Industrie- und Handelskammer (IHK). Es gebe zu viele Vermutungen und zu wenige Fakten zu Köln. Auch Slapio sagt zwar, der Online-Handel sei das größte Problem. Man könne aber nicht alles auf das Internet schieben. Auch offline habe die Konkurrenz zugenommen, so Slapio. Viele Kölner ziehe es zum Einkaufen in andere Städte. Das sind dann nicht bloß Shoppingtouren ins Outletcenter von Roermond. »Aus dem Kölner Norden fährt man nach Düsseldorf, vom Süden nach Bonn. Auch Bergisch-Gladbach ist Konkurrenz.« Daneben bestünden spezifische Kölner Probleme. »Die Stadt ist einfach eng, es fehlen Verweilmöglichkeiten und Aufenthaltsqualität.« Köln wächst, gleichzeitig gibt es ein großes Angebot an Events. »Wir müssen überlegen, wie viele Massenveranstaltungen wir brauchen«, sagt Slapio. Oft fehle es auch an Ordnungskräften und einer guten Verkehrsführung. 

 

Ein Event, das Einzelhändler gern sehen, sind Verkaufsoffene Sonntage. Die schwarz-gelbe Landesregierung hat die Zahl der zulässigen Sonntagsöffnungen auf jährlich acht verdoppelt, um den Einzelhandel zu stützen. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi klagte dagegen vor Gericht mit Verweis auf die gesetzlich garantierte Sonntagsruhe. Auch die Kirchen und Die Linke lehnen Sonntagsöffnungen ab. In Köln wurde im November ein »Südstadt-Kulturherbst« der Einzelhändler gerichtlich untersagt. 

 

»Man muss auch fragen, warum alle am Wochenende einkaufen sollen«, sagt Slapio von der IHK und verweist auf den demografischen Wandel. »Vielen älteren Menschen ist es nicht angenehm, sich durch Menschenmassen zu drängeln. Warum macht man denen, die ohnehin nicht mehr berufstätig sind, nicht attraktive Angebote unter der Woche?« 

 

 Auch Christian Joisten treibt die Krise in der City um; der SPD-Fraktionschef ist Vorsitzender des Wirtschaftsausschusses. Aber Joisten beunruhigen auch die Probleme in den Veedeln. In Porz-Wahnheide, seinem Wahlkreis, engagiert er sich in einem Workshop, um gemeinsam mit Ladenbesitzern und Anwohnern einen Straßenabschnitt attraktiver zu machen. In vielen Veedeln gebe es schon keinen Metzger oder Bäcker mehr, sagt Joisten. Er kennt aber aus Porz nicht nur die Krise des Einzelhandels — sondern auch den GAU: Als dort im Zentrum das Hertie-Warenhaus schloss, stand die Immobilie über Jahre leer. Dann kaufte die Stadt die Ruine, ließ sie abreißen und von der städtischen Entwicklungsgesellschaft Moderne Stadt drei neue Gebäude planen — »Stadt-Center« heißt dieses Handelsformat, das den Besatz von Shoppingcentern in den Städtebau eingliedert. Doch auch hier benötige man zunächst die üblichen Filialisten als »Frequenzbringer«, heißt es bei Moderne Stadt. Dann würden kleine, individuelle Geschäfte nachziehen, hofft man.   

 

Aber das klassische Warenhaus gibt es auch noch. Für Aufsehen sorgt gerade die Übernahme von Kaufhof durch Karstadt. Es entsteht der zweitgrößte Warenhaus-Konzern Europas, Karstadt-Chef Stephan Fanderl verspricht ein »Warenhaus der Zukunft« mit bundesweit rund 180 Filialen. Eine Renaissance des Warenhauses? Kann das gelingen? Elisabeth Slapio von der IHK sagt: »Drei Dinge sind Voraussetzung: Erlebnis, Vielfalt des Sortiments und Serviceleistungen.« Aber zu oft werde am Personal gespart. Womöglich auch im »Warenhaus der Zukunft« — Branchenexperten schätzen, dass durch die Fusion von Karstadt und Kaufhof von insgesamt rund 32.000 Arbeitsplätzen fast jeder zehnte wegfallen könnte.

 

 


Von: Bernd Wilberg
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