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Ausgabe: 12.2018

Kategorie: Film
Stichwort: Festival des türkischen Films 

Tüpisch türkisch


Das kleine Kölner Festival des türkischen Films empfängt in diesem Jahr Gürcan Keltek, den Anti-Star des türkischen Gegenwartskinos, und ist damit wie immer am Puls der Zeit. Keltek, ein Avantgardist unter den Dokumentarfilmschaffenden, verließ schon mit seinem ersten Film »Fazlamesai« (2012) — wenn auch noch vorsichtig — die üblichen Gestaltungspfade dieses Genres, um ins Reich des Unerforschten, Nie-Gesehenen, weil Nie-so-je-Gedachten aufzubrechen. Forscher war er schon in seinem Zweitling: »Koloni« (2015), einem Film über die Massaker sowohl an griechischen wie auch türkischen Zyprioten als Folge des griechischen Putschversuchs 1974.

 

In Köln werden Kelteks aktuelle Werke zu sehen sein: »Meteorlar« (2017) und »Gulyabani« (2018). Ersterer versenkt sich in die Widersprüche des Bürger- bzw. Unabhängigkeitskrieges in Kurdistan, nur um in einer absolut unerwartet kosmischen Wendung den Blick himmelwärts zu heben, wo ein Meteorschauer den Dingen eine völlig neue Perspektive verleiht. »Gulyabani« ist eine Raserei aus Super-8- und Digitalbildern, geboren aus dem vielgestaltigen Missbrauch der Frau im Patriarchat im Allgemeinen und während des Ausnahmezustandes nach dem türkischen September-Putsch von 1980 im Besonderen. »Meteorlar« beginnt meditativ mit Bildern von Steinböcken, nur um sich dann in immer neue trancegleiche Zustände zu begeben —
vermummte nächtliche Umzüge mit Fackeln und Laternen, ferne Gefechte als Lichtspektakel —, dialektisch konterkariert durch die Worte der Darstellerin und Autorin Ebru Ojen Şahin. »Gulyabani« hebt wie ein vergleichsweise konventionelles Über-Bilder-Labern-TV-Format an, verwandelt sich aber sukzessive in einen Bild-Klang-Orkan. Für beide gilt: Unbewusstes bricht sich Bahn — in »Meteorla« ist es Hoffnung in Gestalt eines Wunders, in »Gulyabani« eine seelenreinigende Form von Zorn.

 

Womit man bei dem herausragenden Spielfilm des an Schönem wie Schlauen reichen Programmes wäre: Emre Yeksans Langfilmdebut »The Gulf« (2017), einer surrealen, ebenso bösen wie lustigen Parabel darüber, wie leicht ein Land in einer Diktatur versinken kann.

 

 

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Von: Olaf Möller
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