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Ausgabe: 12.2018

Kategorie: Film
Stichwort:

 »Cold War« von Pawel Pawlikowski 

»Die meisten Biopics sind grauenhaft«

Oscarpreisträger Pawel Pawlikowski (»Ida«) über seinen historischen

Liebesfilm »Cold War« und die rechte Regierung in Polen


»Cold War« ist vor allem ein Film über eine große Liebe. Was bedeutet der Begriff für Sie? Das ist ein sehr abstrakter Begriff. Ich glaube, heute ist es extrem schwer, eine Liebe aufrechtzuerhalten, weil es so viele Ablenkungen gibt. Meine Protagonisten Zula und Wiktor hätten heute keine Chance, trotz all der Herausforderungen, denen sie sich auch damals stellen mussten. Es war sicher keine glückliche Liebe, aber es war eine große. In der westlichen Tradition erwarten wir spätestens seit der Romantik das Absolute und Ewige von der Liebe. In Wahrheit ist sie relativ und geht durch verschiedene Phasen, sie wird durch die Zeit korrumpiert. Wir werden enttäuscht und enttäuschen andere, das ist bei uns allen so. 

 

 

»Cold War« hat eine lange Entstehungsgeschichte. Was war der Ursprung des Projekts und wie haben Sie es entwickelt? Ich hatte seit Jahren die Idee eines Paares, das sich verliebt, streitet, trennt, emigriert, andere Partner kennenlernt. Aber ich wusste nicht, wie ich es erzählen soll. Ich schrieb zahlreiche Fassungen, die erste von 2006 hieß tatsächlich »Love Story«. Aber sie hatte eine chaotische Struktur und war auch viel zu nah an der Geschichte meiner Eltern. Mir wurde bewusst, dass ich das so nie publik machen will. Also schrieb ich neue Versionen, und langsam reifte es zu etwas, das ich verfilmen konnte. Das war aber lange nach »Ida«, erst da wagte ich, diesen ausufernden Plot so elliptisch zu erzählen. Und als ich auf die Idee kam, Musik als Rahmen und strukturelles Mittel zu nutzen, war ich mir sicher, dass es funktionieren könnte. Die Musik gibt dem Film eine zusätzliche Sinnlichkeit. Die Auftritte von Zula als Sängerin sind verführerisch.

 

 

Wie sehen Sie Ihren Film im Verhältnis zu anderen Musik-Biopics? Vieles bleibt ungesagt, nur angedeutet. Es geht nicht darum, dem Publikum etwas zu erklären, sondern die Möglichkeit zu bieten, etwas zu erfahren. Deswegen finde ich die meisten Biopics so grauenhaft, sie zeigen dir ganz genau, wie A zu B führt. Das wirkt oft wahnsinnig gekünstelt und konstruiert, nur damit es scheinbar sinnvoll erscheint. Auch im Leben gibt es nie nur einen Grund. All das war ein Experiment und ein Wagnis, dennoch ist der Film in Polen ein großer Erfolg geworden.

 

 

Sowohl »Ida« als auch »Cold War« sind eng mit der polnischen Geschichte des 20. Jahrhunderts verbunden. Was fasziniert Sie daran? Für mich sind historische Ereignisse nicht die Motivation für einen Film. Ich will nicht aufklären, sondern existenzielle zwischenmenschliche Momente zeigen, die aber natürlich in einem bestimmten Kontext passieren, der das Leben der Menschen beeinflusst. Mir ist wichtig, dass sie darin verwurzelt sind. Deswegen habe ich auch aufgehört, in Großbritannien Filme zu drehen, wo ich lange gelebt und gearbeitet habe. Dort kenne ich mich zu wenig aus. Die polnische Vergangenheit, die Biografien meiner Eltern, sind mir viel vertrauter, sie sind Teil von mir und ich muss mich direkt damit auseinandersetzen.

 

 

Polen wird von einer rechten Regierung geführt. Für Ihren vorherigen Film »Ida« wurden Sie stark angegriffen. Wie ist Ihre Position dort heute? Nicht nur ich, alle Künstler werden unter Druck gesetzt. Aber es ist kein Terror, niemand wird verhaftet, niemandem wird verboten, Filme zu machen. Aber Populismus wendet sich überall gegen Kultur. Alles wird auf sehr simple Narrative reduziert, das Gegenteil von Kunst. Im Idealfall zeigt sie doch das Komplexe, Widersprüchliche und Paradoxe der Welt und findet eine Form dafür. Ich wurde von rechten wie linken Ideologen angegriffen. Sie sollten sich aus der Kunst raushalten, sie verstehen nichts davon.

 

 

Was war konkret vorgefallen? »Ida« war ein internationaler Erfolg. All die Auszeichnungen bis zum Europäischen Filmpreis und schließlich dem Oscar bekam er, während in Polen Wahlkampf war. Die Rechten, die mittlerweile an der Macht sind, sahen in dem Erfolg von »Ida« eine internationale Verschwörung gegen Polen. Sie nutzten den Film auf übelste Weise aus, starteten eine Petition gegen ihn, die mehr Menschen unterschrieben haben als der Film Zuschauer hatte. Mittlerweile ist die Regierungspartei PiS so etabliert, dass sie nicht mehr so aggressiv auftreten muss. Sie wird auch die nächsten Wahlen gewinnen. Ich halte mich von ihnen so weit entfernt wie möglich. Die Kommentare aus dem Westen und den USA, der Film handle von der polnischen Schuld, sind allerdings genauso dämlich. Wir Polen haben den Holocaust nicht organisiert.

 

 

 

Pawel Pawlikowski wurde 1957 in Warschau geboren, zog aber schon als Jugendlicher mit seiner Mutter nach Großbritannien, wo er in Oxford Literatur und Philospohie studierte. Seine Karriere als Filmemacher begann er mit Dokumentarfilmen für die BBC. 1998 kam sein erster Spielfilm »The Stringer« in die Kinos. Seinen größten Erfolg feierte er mit seinem ersten in Polen produzierten Film »Ida« (2013), für den er mit fünf Europäischen Film-preisen und einem Oscar ausgezeichnet wurde.
Von: Thomas Abeltshauser
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