StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 12.2018

Kategorie: Kunst
Stichwort: Ruth Marten

Ruth Marten: »Dream Lover«


Es wäre nicht schlecht, 16 Augen zu haben wie jene Dame, deren Portrait für den Besuch der Retrospektive der New Yorker Künstlerin Ruth Marten (*1949) wirbt. Die sechzehn Augen sind angeraten, um halbwegs mitzubekommen, was diese rund zweihundert Arbeiten an detailfreudiger, traumschöner Bilderfindungs- und Bildverwandlungsmagie bieten. 

 

Bereits die Malerin und Illustratorin, die Marten — neben einer ersten Karriere als unkonventionelle Tattoowiererin — seit 1970 war, entwickelte eine eigene Form gemalter Collagen, die, akribisch im Detail und handwerklich perfekt, Haare in allen Facetten als ein zentrales Motiv zeigen. Haariges findet sich auch immer wieder auf den seit 2006 entstehenden Arbeiten. Marten begann, auf Flohmärkten erworbene alte Stiche zu überarbeiten. Mehr noch, sie nistet sich in ihnen ein, so dass kaum zu trennen ist zwischen alt und neu. Sie brütet mit Tusche und Feder oder dezenten Aquarellkolorierungen Unerhörtes, Phantastisches aus. 

 

»Die natürliche Ordnung« heißt eine dieser Umdeutungen. Die beiden sich gegenüberstehenden Mäusetiere verdanken ihre Papierexistenz einem Druckwerk des 18. Jahrhunderts, dann halst Marten ihnen in der peniblen Manier dieser Epoche einiges auf. Gewaltig türmen sich auf ihren Rücken haarige Aufbauten mit Höhlungen, in denen Früchte und Eier lagern und sich eine Schlange windet. Wo diese Fellwucherungen unentwirrbar ineinander übergehen, sprießt Rasen, wachsen Blumen. Den Mäusen macht es nichts aus, wie überhaupt alle Kupfer- und Stahlstichtiere und -menschen ihr merkwürdiges Dasein sehr gelassen hinnehmen. Egal, ob sie selbst zu Brunnen werden, engen Kontakt zu Alligatoren pflegen, von einer riesigen Handschuhhand als Glocke benutzt werden, ihnen Haare, Fell oder Federn im Übermaß zuteil werden: Sie sind davon unberührt, alles scheint normal, obwohl ihre Welt zur Freude des Publikums von Ruth Marten noch einmal neu und ganz anders erfunden worden ist. Natürlich schwebt der Brühler Hausgott und surrealistische Übergroßvater Max Ernst über allem. Und spendet, amüsiert mit seinen Collageromanen wedelnd, überwirklichen Segen.

 

Max Ernst Museum Brühl, Comesstraße 42 / Max-Ernst-Allee 1, Di-So 11-18 Uhr, bis 24.2.2019 Der prachtvolle, alle Werke der Ausstellung abbildende Katalog kostet 34,90 Euro.
Von: Jens Peter Koerver
«  Grenzenlos Fernsehen  Struggle for life» Datensatz 244 von 5875 insgesamt.