StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 12.2018

Kategorie: Kunst
Stichwort: Harald Szeemanns 

Wenn Haltungen Ausstellungen werden

Harald Szeemanns Lebenswerk in Düsseldorf


»Mich hat beim Besuch von Gedenkstätten und beim Ausstellungmachen immer das Problem fasziniert, wie man aus Objekten wieder (künstlich) Leben machen kann.« Es war kein geringer Anspruch, den Harald Szeemann 1974 an sich stellte. Zu diesem Zeitpunkt hatte der 1933 geborene und 2005 verstorbene Schweizer Ausstellungsmacher bereits Kunstgeschichte geschrieben. Er verstand sich als Partner der Künstlerinnen und Künstler, der das Unmögliche möglich macht und das Inakzeptable akzeptiert — zum Beispiel die Fackeln, die Gilberto Zorio in der wegweisenden Ausstellung »When Attitudes Become Form« 1969 brennen ließ, oder jene trächtige Kuh, die Wolf Vostell in der Skandalschau »Happening & Fluxus« im Kölnischen Kunstverein platzierte, bis die Polizei einschritt.

 

Zugleich war der promovierte Kunsthistoriker Szeemann ein Pionier seines eigenen Fachs, der seit Ende der 60er Jahre als Freelancer mit seiner »Agentur für geistige Gastarbeit« ohne eigenes Haus agierte. Ein früher Meilenstein seiner Laufbahn war die documenta 5 (1972), die er leiten sollte, um die Kasseler Weltkunstschau an die jüngsten und radikalsten internationalen Tendenzen anzuschließen. Das Ergebnis wurde damals vom bürgerlichen wie vom linken Lager heftig attackiert und ist heute ein Klassiker.

 

Es ist ein seltenes Vergnügen, das Lebenswerk eines einflussreichen Kurators besichtigen zu können. So ist die Düsseldorfer Szeemann-Ausstellung, die durch mehrere Institutionen in Europa und den USA wandert, ihrerseits eine Pionierleistung. Sie schöpft aus Szeemanns enormem Archiv, Ausdruck seiner rastlosen Recherche- und Sammelleidenschaft. Der Fundus wurde wenige Jahre nach seinem Tod vom Getty Research Institute in Los Angeles angekauft und aufgearbeitet. 

 

Auch die Organisatoren seiner Retrospektive haben sich offenbar die Frage gestellt, »wie man aus Objekten wieder (künstlich) Leben machen kann«. Sie präsentieren zwei Antworten: eine vollständige Re-Inszenierung der Schau, die Szeemann 1974 der Biografie seines eigensinnigen Großvaters, einem erfinderischen Frisör, widmete, und ein vorwiegend dokumentarischer Rundgang durch sein kuratorisches »Gesamtwerk«. Zwei ebenso gegensätzliche wie angemessene Arten, in Szeemanns Kosmos einzutauchen und darin zu navigieren. 

 

 

 

»Harald Szeemann. Museum der Obsessionen« und »Harald Szeemann. Grossvater: Ein Pionier wie wir«, -Kunsthalle Düsseldorf, Grabbeplatz 4, Di–So 11–18 Uhr, bis 20.1.2019 Eintritt frei: Jeder 2. Sonntag im Monat (Familientag) und jeder letzter Donnerstag von 18–20 Uhr.
Von: Barbara Hess
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