StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 1.2019

Kategorie: Film
Stichwort: stranger than fiction

Von Köln bis zur Weihnachtsinsel

Das Dokumentarfilmfestival »Stranger Than Fiction« zeigt

ein vielfältiges Programm aktueller Produktionen


Verlorenes Paradies: »Dream Away«

Eine besonders düstere Episode politischer Zwecklügen holt »Waldheims Walzer« zurück ins Bewusstsein. Ruth Beckermanns ganz persönlich akzentuierter Dokumentarfilm macht die politische Gemengelage im Österreich der mittleren 1980er-Jahre anschaulich anhand des Konflikts um den ehemaligen UN-Generalsekretär Kurt Waldheim, der sich damals (erfolgreich) um die Präsidentschaft in seinem Heimatland bewarb. Der durch seine vertuschte NS-Vergangenheit kompromittierte Kandidat wurde auf Volksfesten als Held umjubelt, zugleich wurden auch von bürgerlichen Politikern tüchtig antisemitische Ressentiments geschürt, indem sie die Anschuldigungen gegen Waldheim als Teil einer jüdischen Verschwörung zu diskreditieren versuchten.

 

Trotz seiner Aktualität schaffte es der mehrfach ausgezeichnete und von Österreich für den Oscar nominierte Film in Köln nicht regulär ins Kino. Genauso ging es Marie Wilkes Dokumentarfilm »Aggregat«, der (ebenfalls preisgekrönt) mit nüchtern beobachtendem Blick die oft gestörten Kommunikationsformen zwischen Politik und Teilen der Bürgerschaft und ihre mediale Vermittlung untersucht. 

 

Jetzt kommen beide Filme in die Region als Teil des diesjährigen Programms des Festivals Stranger Than Fiction, das Ende Januar mit knapp einem Dutzend ausgesuchten Dokumentarfilmen durch NRW tingelt. Dabei sind neben dem bereits auf dem Film Festival Co-logne gezeigten Porträt der Kölner Rock-Ikone Jürgen Zeltinger (»Asi mit Niwoh«) auch einige Filme, die sich mit der Verfolgung europäischer Juden im letzten Jahrhundert und mit aktueller -Migration beschäftigen. 

 

Herausragend darunter ist »Der letzte Jolly-Boy« des an der Kölner Internationalen Filmschule lehrenden Dokumentarfilmers Hans-Erich Viet. Er begleitet Leon Schwarzbaum, einen der wenigen noch lebenden Zeitzeugen der Shoah, bei seinen unermüdlichen Aufklärungsreisen. Die sind ihm Überlebensaufgabe: Er spricht mit Schulklassen, in Gefängnissen, als Zeuge vor Gericht oder als Gast einer Talkrunde bei Markus Lanz. Vor allem aber reist der Regisseur mit dem in Hamburg geborenen ehemaligen Hobby-Swingmusiker nach Polen, wo er seine Kindheit verbracht hatte, bevor er im Ghetto die ganze Familie verlor und dann die Lager Auschwitz, Buchenwald und Haselhorst, Zwangsarbeit und Todesmärsche durchlitt. Emotional starker Stoff, der angenehm nüchtern und mit einem Seitenblick auf die mediale Einbindung mancher Auftritte inszeniert ist. Dabei schwingt immer mit, wie sehr wir die Präsenz solcher lebendiger Vermittler noch vermissen werden in der kommenden Zeit. 

 

Auch die Arte-Dokumentation »Auch Leben ist eine Kunst« (Eva Eberding und André Schäfer) erzählt von einem bemerkenswerten Menschen: dem erfolgreichen jüdischstämmigen Hamburger Unternehmer und Lebemann Max Emden. Der setzte sich schon 1926 aus dem kalten Norden ins Tessin ab und erbaute sich im Umfeld der Monte-Veritá-Gemeinschaft als Luxus-Aussteiger auf einer eigenen Insel im Lago Maggiore eine prächtiges Schloss. Doch bald trieben ihn Enteignungen und Zwangsverkäufe durch das NS-Regime in der deutschen Heimat in den Ruin. Als er 1940 starb, wanderte der Rest der Familie nach Chile aus. Diese spannende Geschichte, die deutsche Wirtschaftsgeschichte, Reform-Bewegungen der 1920er Jahre, Kunst, Raub und fehlende Restitution verbindet, ist leider filmisch nur höchst unbefriedigend erzählt mit einem aus Ein-Satz-Schnipselchen montierten Voice-over, der von musikalischen Standardsäuseleien umspielt wird.

 

Prägnant ist dagegen die Filmmusik von Aaron Cupples, mit der die australische Regisseurin Gabrielle Brady ihren ersten langen Dokumentarfilm »Island of the Hungry Ghosts« rahmt. Auch hier geht es um Flucht und Exil, wenn auch am anderen Ende der Welt. Auf der im Indischen Ozean gelegenen Weihnachtsinsel treffen zwei Arten von Migranten aufeinander: Bootsflüchtlinge aus Südostasien, die vom australischen Staat in einem riesigen, umzäunten Internierungslager gehalten werden, und eine zig-millionenstarke Population Roter Krabben, die jeden Herbst aus dem Inselinneren zu den Brutstätten an der Küste wandern und bei dieser »Red Crab Migration« (so steht es auf den Straßenschildern) von Naturschützern behütet werden. 

 

Auch den Menschen wird geholfen, von der Traumtherapeutin Poh Lin Lee, die ihre Patienten Erlebtes und Gefühle in einem kleinen Sandkasten mit Miniaturfiguren nachspielen lässt. Die Migranten sind — oft gewaltsam von ihren Familien getrennt und ohne Perspektive — extrem verzweifelt. Bradys Film verknüpft diese Schauplätze und religiösen Riten einheimischer Inselbewohner in sorgfältiger Kadrage diskret, mit einem Fokus auf der Therapeutin und ihrer Familie. Doch Poh Lin kann auch mit all ihrer Empathie weder Deportationen noch Selbstverletzungen verhindern. In einer Szene haut sie ihren Frust während eines Campingausflugs mit Machetenhieben im Urwaldickicht raus. Am Ende reicht auch das nicht.

 

Fr 25.1.–So 3.2., Filmpalette,
Filmforum im Museum Ludwig.
Infos: strangerthanfiction-nrw.de
Von: Silvia Hallensleben
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