StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 1.2019

Kategorie: Theater
Stichwort: Companhia de Danças

Fúria


Autos brannten, Schaufensterscheiben splitterten. Graffiti gegen die Regierungspolitik, Randale im Arc de Triomphe. In Paris folgten am 1. Dezember tausende Gelb-westen-Demonstranten dem Aufruf zum »3. Akt«, was theatralisch und gebildet klingt, aber vermummte Randalierer nicht davon abhielt, beängstigendes Zerstörungsspektakel zu inszenieren. Ausgerechnet an diesem Wochenende präsentierte das Pariser Festival »d’automne« die Premiere der Choreografie »Fúria« — Wut. Und sagte die zweite Vorstellung aus Sicherheitsbedenken ab. Die schwarzen Rauchwolken dräuten in Sichtweite des Theaters im Chaillot-Palast.

 

Doch »Fúria«, das auch die römischen Rachegöttinnen meinen könnte, hatte keine Benzinsteuererhöhung im Sinn, als die Choreografin Lia Rodrigues es mit ihrem neunköpfigen Ensemble entwickelte: mitten in der Favela Maré in Rio de Janeiro. Das Leben dort ist um einiges härter als im Staate Frankreich. Die heute 62-jährige Rodrigues begab sich freiwillig dorthin, im Bewusstsein ihrer Privilegien als weiße Mittelschichtsbrasilianerin, wie sie im Interview erläutert. Erst als Tänzerin, dann als Choreografin hatte sie sich international bereits einen Namen gemacht; nun baute sie eine Tanzschule für die Leute der Nachbarschaft im selben Raum auf, wo ihre Companhia de Danças arbeitet. Immer mit offenen Türen.

 

Vier ehemalige Schüler sind nun als Profis bei »Fúria« dabei. Sie wolle aus dem Nichts etwas machen, erklärt sie: aus weggeworfenen Resten, Klamotten oder Haushaltswaren — und aus den Tänzern Könige und Königinnen. Die nehmen sich mit ihrer Feierwut nicht nur das Recht aufs Entnormalisieren, Verzerren, Verhaken, Verschleppen, sondern bemächtigen sich mit Bildzitaten auch der europäischen Kunstgeschichte.

 

Keine Elendsdokumentationen oder Anklagen sind die mit choreografischen Verstand organisierten Stücke von Rodrigues, sondern sie rücken die tägliche Machtfrage von Bewegen und Bewegtwerden in den Vordergrund. Sie zeigen gefährdete Territorien von Schönheit und Menschlichkeit. 

 

 


Von: Melanie Suchy
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