StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 1.2019

Kategorie: Theater
Stichwort: »Zocker« von Kostas Papakostopoulos 

Größenwahnsinnige Hartz IV-Empfänger

In »Zocker« setzt Kostas Papakostopoulos auf die Lust am Voyeurismus


Ein Backgammon-Spiel, zwei Verlierer: Im kalkweißen Bühnenraum sitzen sich der Italiener Gigi (Nikos Goudanakis) und der Grieche Vassilis (Vassilis Nalbantis) beim Zocken gegenüber. Breitbeinig sinnieren die beiden Patriarchen, Handtuch über der Schulter und Adiletten an den nervösen Füßen, zwischen dem Würfeln über ihr Leben. Es scheint, als wären sie den Umständen fassungslos ausgeliefert: zwei

 

Gesellschaftsverlierer ohne Arbeit und »symbnolisches Kapital«, längst abgehängt vom alltäglichen Treiben außerhalb der eigenen vier Wände. Die jedoch verteidigen Gigi und Vassilis umso vehementer als Territorium ihrer konservativen Machtansprüche — und sei es nur, wenn es um die sture Einhaltung der Mittagsruhe geht.

 

Auf der Bühne des Freien Werkstatt Theaters zeigt das Deutsch Griechische Theater das Stück »Zocker«, frei nach dem aus Athen stammenden Dramaturgen Dimitri Kechaidis. Dort sind seine Arbeiten berüchtigt für ihre unverhohlene Kritik an Patriotismus, Patriarchat und kleinbürgerlichem Spießertum. Von dieser Brisanz ist in der zweistündigen Bearbeitung auf dem Parkett in der Südstadt jedoch nicht mehr viel zu spüren. Denn statt politischen Tiefgang in den eigenwilligen Kampf der beiden Protagonisten um gesellschaftliche Anerkennung zu bringen, wie es der Ankündigungstext suggeriert, wird hier vom Publikum vor allem die Lust am Voyeurismus abverlangt: Zwei Hartzler hecken größenwahnsinnige Pläne aus, um auf ihre alten Tage doch noch der Tristesse des Prekariats zu entkommen, während alle anderen bereits ahnen, dass es für sie keinen Aufstieg mehr geben wird.

 

Irritierend ist dabei in diesem Schauspiel vieles: Etwa die Eindimensionalität der Figuren und der unermüdliche Versuch von Regisseur Kostas Papakostopoulos ihr Streben als Farce zu porträtieren. Mit großkotzigen Gebärden und in gebrochenem Deutsch geben die Schauspieler das rassistische Stereotyp des »südländischen Patriarchen« der Lächerlichkeit preis — vor einem durchweg weißen und bildungsbürgerlichen Publikum. Dass auch strukturelle Diskriminierung die beiden migrantischen Männer an den Rand der deutschen Gesellschaft gebracht haben mag, wird nicht thematisiert. Statt dessen wird ihr Scheitern als persönlicher Makel deklariert, als ein Verharren in der eigenen Weltanschauung, ein Eindruck, der sich durch die statische und wenig abwechslungsreiche Performance der Figuren auf der Bühne verstärkt.

 

 

 

 


Von: Philippa Schindler
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