StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 1.2019

Kategorie: Titel
Stichwort: GOTT

GOTT Die Homestory – Teil 1

Zunächst die frohe Botschaft: Diese Stadt ist attraktiv, auch Gott wohnt in Köln. Und das gleich an hunderten Or­ten, wenn man den Haubesitzern — also den religiösen Gemeinschaften — glaubt. Rund hundert religiö­se Gruppen und Gemeinschaften aus aller Welt feiern in Köln ihre Feste.

Für viele Gläubige ist Religion mehr als nur Glaube: ein Stück Hei­mat. Sie sind Teil einer Gemeinschaft, ohne sämtliche Lehren, die zum Kanon ihrer Religion gehören, verinnerlicht zu haben: Wie viele Christen wären etwa in der Lage, die Trinität zu erläutern?

Es gibt eine Krise der Religion. Das zeigen rückläufige Mitgliederzahlen und die Exzesse religiöser Eiferer. Aber es gibt auch eine Krise des Naturalismus. Religiöser Ver­blen­dung steht eine Euphorie des technischen Fortschritts gegenüber, die ethische Probleme ausblendet und auf existenzielle Fragen keine Antworten geben kann. Die spätkapitalistische Welt, in der jeder für sich selbst sorgen und sich selbst optimieren soll, scheint ein großes Bedürfnis nach Spiritualität zu wecken. Oft wird dies mit religiösem Patchwork gestillt, mit Versatzstücken aus Lebenshilfe, Therapie, Folklore oder auch politischer Ideologie. Umgekehrt trägt manch weltlicher Lifestyle mit seinen Sprachregeln, Ernährungshypes und Körperidealen religiöse Züge — und ver­langt den Menschen oft ebenso viel ab, wie Religionen es tun. Wenn Religion vor allem Kult, also Praxis ist, muss sie sich gut in den harten Takt des Alltags einfügen können: Frühmessen unter der Woche? Fünfmal täglich gen Mekka beten? Am Schabbat keine elektrischen Geräte benutzen? Das ist kaum zu schaffen. Aber, wie jemand bei un­se­ren Hausbesuchen der religiösen Gruppen sagte: Das hält Gott aus.

Das Unbegreifliche, das Numinöse, werden Wissenschaft und Technik nie erklären können — es entzieht sich ihren Kategorien. Wie wir mit diesen offenen Fragen umgehen, ob wir sie zu beantworten versuchen oder sie ignorieren können und wollen, entscheidet darüber, wie wir grundsätz­lich zu Religion und Glaube stehen. In Köln gibt es mehr als hundert Antworten und noch mehr Orte, an denen sie verkündet werden. Das ist an sich weder gut noch schlecht, sondern vor allem interessant und manchmal auch kurios und geheimnisvoll.


Pfarrer Hans Mörtter, Lutherkirche, Südstadt »Krippenspiel hasse ich!«

Pfarrer Franz Meurer, St. Theodor und St. Elisabeth, Höhenberg/Vingst »Aber ihr macht Weihnachten auch Krippenspiel, oder?«,Fotos: Marcel Wurm

Herr Meurer, Herr Mörtter, gibt es gute und schlechte Religionen? 

 

Meurer: Wenn Du willst, dass ein guter Mensch etwas Bö-ses tut, dann führe ihn zur Religion. Religionen können gefähr-lich sein und Leute kirre machen. Aber das Gute ist, dass sie Menschen auf andere hin orientieren. In Mitteleuropa versucht man ja sonst eher, als Einzelner klarzukommen.

 

Mörtter: Ich wollte gar nicht Pfarrer werden. Aber dann bin ich in an der Bonner Uni in eine Vorlesung geraten, da hieß es: »Gott ist der, der in die Freiheit führt«. Das ist die Überschrift für die Tora, das Erste Testament. Wow, das hat bei mir eingeschlagen wie bekloppt. 

 

 

 

Was ist der Markenkern Ihrer Religion, dem Christentum? 

 

Meurer: Dass jeder wichtig und wertvoll ist, ohne dass man auf seine Leistung schaut. Und dass man, wenn man schuldig geworden ist, eine zweite und auch dritte Chance bekommt.

 

Mörtter: Noch etwas ist wesentlich, der Sophie-Scholl-Effekt: Keine Angst haben! Als Christ brauchst Du eigentlich keine Angst haben. Natürlich habe ich auch manchmal Angst.

 

Meurer: Nee, du meinst Furcht! Die Furcht bleibt, vielleicht vor Hunden. Aber nicht existenzielle Angst.

 

Mörtter: Ja, ja! Ich habe keine Angst vor dem Tod. 

 

Meurer: ... aber Furcht vorm Sterben. Wenn man ein Jahr nur noch daliegt, das ist doch scheiße, auf Deutsch gesagt.

 

Mörtter: Das ist scheiße, ja. 

 

 

 

Warum lässt Gott das Leid zu?

 

Meurer: Theologisch betrachtet ist das der Preis der Freiheit. 

 

Mörtter: Ja, der Nahe Osten ist ein Pulverfass, in Syrien passieren Grausamkeiten ohnegleichen, der Westen schickt Waffen, und dass die Kirche dazu kaum was sagt, ist be-schis-sen — aber mit all dem hat Gott nichts zu tun. Da stellt sich nicht die Theodizee-Frage. Das ist menschengemacht. Eine andere Frage ist: Warum muss ein Kind sterben?

 

Meurer: Man muss es so brutal sagen: Manche Menschen haben einfach Pech. Und bei uns ist die Wahrscheinlichkeit noch gering. In Kamerun sterben noch viel mehr Kinder.

 

 

 

Manche sagen, Religion versetze den Menschen erst in Angst. Besteht also ein Unterschied zwischen dem Glauben an einen gütigen Gott und dem, was die kirchlichen Insti-tutionen daraus machen?

 

Meurer: Nein, das ist der Unterschied zwischen guter und schlechter Religion. Eine gute Religion wird aber der Angst Wohnrecht einräumen. Die Angst der Menschen ist da. Man hat Angst, nicht schön, wertvoll oder schlau genug zu sein. Religion sollte sein wie gute Eltern. Deshalb beten wir auch das Vaterunser. Johannes Paul I. hat gesagt, Gott ist wie ein Vater — und mehr noch wie eine Mutter. Und es gibt immer etwas zu essen. Du kannst keine Kirche ohne Bewirtung machen. Übrigens: Du kannst auch keine Kirche mehr machen ohne ausreichend Toiletten. Wenn ich in einer Kirche ohne Toiletten neu Pfarrer wäre, würde ich ein Dixi-Klo in die Kirche stellen. 

 

 

 

Aber es liegt nicht nur an zu wenigen Toiletten. Die Mitgliederzahlen der beiden großen christlichen Kirchen schwinden.

 

Mörtter: Also in meiner Gemeinde steigen die Zahlen. Wir haben auch viele Taufen. Vor zehn Jahren hätten sich die Eltern dafür noch rechtfertigen müssen, heute ist das wieder selbstverständlicher. Die Eltern wollen in einem Netz stehen, in einer Gemeinschaft. Wenn die Kirche nicht voll ist, läuft was falsch. Wenn Pfarrer jammern, dass keiner kommt, sage ich: Dann sorgt dafür, dass es voll wird! Der Gottesdienst ist für mich die Mitte der Gemeinde.

 

Meurer: In dem Sinne bist du ja katholisch. 

 

Mörtter: Ja!

 

Meurer: Gott ist das Zentrum, ist die Mitte — und der Be-weis, dass es funktioniert, ist das Volk. In Hövi machen wir aus Frömmigkeitsgründen für den Herrgott jeden Tag eine Messe. Manchmal nur mit ganz wenigen, kommt auf die Zeit an. Aber Sonntag ist die Kirche voll. Ich war aus Frömmigkeit an Buß- und Bettag im evangelischen Got-tes-dienst, da war ich der jüngste. Ist aber doch normal! 18 Uhr an einem Mittwoch, da kann doch keiner in die -Kirche gehen! Die meisten stehen im Stau, oder die Kinder quengeln. 

 

 

 

Die Ökumene wird viel beschworen. Wie wichtig ist sie wirklich?

 

Meurer: Ohne Ökumene wären wir tot. Ökumene ist doppelt so gut und halb so teuer. Unser Kaplan ist die evangelische Jugendleiterin. Wie soll das sonst gehen? Mit all den Menschen guten Willens?

 

Mörtter: Gemeinde ist für mich ein offenes Gebilde. Ich frag nie, welche Religion jemand hat. Sondern: Was kannst du für andere tun? 

 

 

 

Und dass Sie alle den gleichen Gott haben, stimmt das?

 

Meurer: Das hat sogar ein Papst gesagt, Paul VI. Wir glauben an denselben Gott, nicht nur an den gleichen. 

 

Mörtter: Die Zukunft ist eine gemeinsame Heilige Schrift aller Religionen. Aber das ist ein Prozess von 100 bis 200 Jahren. Daran arbeiten wir in der Gesellschaft für eine Glaubensreform. 

 

 

 

Wie kommen Menschen zur Religion?

 

Meurer: Kinder sind von sich aus religiös. Ich hab ja bei uns in der Gemeinde jeden Tag mit Kindern zu tun. Wenn die mich sehen, rufen die »Da kommt Gott!« (lacht)

 

Mörtter: Das kenn ich. Ich zeige dann auf die und sage »Da auch!«

 

Meurer: Wenn Kinder neun oder zehn sind, brauchen sie einen aufgeklärten Zugang: In welchem Zusammenhang ste-hen die biblischen Geschichten zur Zeit Jesu — und wie sieht die Welt heute aus? Gute Religion ist immer -aufklärerisch.

 

 

Religionskritiker behaupten, man würde als Atheist geboren. 

 

Mörtter: Das stimmt doch nicht! Bei Kindern erlebe ich eine ganz große Bedürftigkeit.

 

Meurer: Sie müssen sich frei ausprobieren können, sie brau-chen aber auch Regeln und Rituale — sonst schla-fen die abends noch nicht mal ein. Das ist eigentlich schon alles. Und aus diesem Vorrat bedienen sich auch alle -Religionen.

 

 

 

Sie als Pfarrer sind Sie für die Rituale zuständig. Welche Aufgaben haben Sie noch?

 

Mörtter: Seelsorge ist eine wichtige Arbeit, aber die sieht man nicht. Ich denke an eine Frau, deren depressiver Mann sich erhängt hat. Morgens fand sie ihn. Ich war im Notfallseelsorgeeinsatz. Ich habe die Frau gefragt, ob am Abend davor irgendwas anders war, denn der Tod kündigt sich immer an. Die Frau sagte, nein. Ich muss sie dann so angeschaut haben, dass sie merkte, ich nehm ihr das nicht ab. Dann sprudelte es aus ihr heraus. Sie hatten getrennte Zimmer, aber konnten sich sehen von Bett zu Bett, die Tür war immer offen. Dann sagte sie: Ich sah, wie eine leuchtend weiße Wolke durch den Flur zog, in das Zimmer ihres Mannes, und ihn ganz einhüllte. Übertragung? Wünschte sie sich, dass er geschützt sei? Ein nachträgliches Bild? Nein! Diese Frau hat das gesehen! Auch, wenn es völlig abwegig erscheint, es ist Wirklichkeit, sie hat das erlebt. Sie sagte, sie hätte das nie im Leben jemandem erzählt, wenn ich sie jetzt nicht gefragt hätte.

 

 

 

Gute Pfarrer sind also Therapeuten?

 

Mörtter: Ja. Jesus war Sozialarbeiter. Er hat immer politisch und auch therapeutisch und sozial gearbeitet. »Du bist nicht allein!« Dafür stehe ich ein. Das kann der Psychotherapeut nicht sagen.

 

Meurer: Sagen kann er das schon, aber er hat nicht den Werkzeugkasten dafür. Menschen wollen dazugehören. Religion ist erst mal nicht believing, Glaube, sondern -belonging, Zugehörigkeit. Nehmen Sie Matthias Claudius‘ Gedicht »Der Mond ist aufgegangen«, wo es heißt »... und unseren kranken Nachbarn auch«! Zugehörigkeit ohne Leistung — das ist gute Religion. »Hier verkehrt, wer verzehrt« — das ist Kapitalismus. (zu Mörtter) Gibt es bei euch eigentlich was umsonst auf dem Weihnachtsmarkt?

 

Mörtter: Der hat ja eine ganz andere Bedeutung. 

 

Meurer: Ja, ja, ich weiß doch. Da geht es um einen guten Zweck.

 

Mörtter: Ich hab hier eine Stunde mit Seawatch erzählt, von Kindern, die auf der Flucht sterben. Das gibt es auf keinem Weihnachtsmarkt der Stadt. Wir haben mit 250 Menschen Weihnachtslieder gesungen, »Tochter Zion, freue dich«, darunter auch Ungläubige, ich nenn die immer mein Heidenvölkchen, und zwar voller Inbrunst. Denen ging es auch um Zugehörigkeit. Das Spannende bei Kirche ist, dass sie nicht von oben gemacht wird. Die Kir-chen-oberen, die Kardinäle, die Superintendenten, können Kirche nicht machen. Die sind auch unwichtig. 

 

Meurer: In Deutschland haben wir 27 Diözesen, überall ist es unterschiedlich. In Hessen bist du nach der Scheidung eingeladen zur Kommunion, hier nicht. Versteht kein Mensch! Das heißt, wir haben eine Krise der großen Player, nicht nur durch die Missbrauchsfälle. 

 

Mörtter: Ob evangelisch oder katholisch, die Kirchenleitungen sind nach gestern orientiert. Das sieht man an der Sprache, an der Form, Gottesdienst zu feiern. Unsere Gottesdienste sind experimentell, die ergeben sich aus der Situation und daraus, wer da ist. Ich kann ja spüren, was die Leute mitbringen.

 

 

An Heiligabend gibt es sogar Public Viewing an der Lutherkirche.

 

Mörrter: Mehr als tausend Leute gehen in die Kirche nun mal nicht rein. Aber im Gottesdienst ist es mucksmäuschen-still, das ist für mich das eigentliche Wunder. Ich mache es immer so: ich packe den marmornen Taufstein an, schließe die Augen, unser Musiker macht ein Vorspiel mit dem E-Piano, und dann sage ich: Sei jetzt bitte da. Wenn Gott mit seiner Kraft und dem Heiligen Geist jetzt nicht da ist, geht das Ganze schief. Aber das ist für mich der Hochseilakt: Wie können alle vier Generationen hier spüren, was für eine Kraft in diesem Heiligen Abend liegt? Wenn sie das ein einziges Mal in ihrem Leben gespürt haben, wissen sie, dass es das gibt. Da kriege ich jetzt schon wieder eine Gänsehaut. Das ist Spiritualität! Wir sind nicht nur soziale Networker. Ich habe jedes Mal das Gefühl, feuriges Lava fließt durch mich hindurch.

 

Meurer: Ihr macht Weihnachten auch Krippenspiel, oder?

 

Mörtter: Krippenspiel hasse ich. 

 

Meurer: Ich bin ja kein Performer wie du. Wir machen ein Krippenspiel, das die Katechetinnen vorbereiten. Letztes Jahr hatten wir Zwillingsmädchen dabei, beide wollten die Maria spielen. Was hättest du gemacht, Hans? 

 

Mörtter: Und?

 

Meurer: Wir haben links und rechts einen Scheinwerfer, und da steht jeweils eine Maria. Eine in Bethlehem und eine im Flüchtlingscontainer in Ägypten. »Wo kommt ihr denn her?« Spot on! »Wer ist der Vater?« — »Schwierig ...« Das haben sich die Katechetinnen ausgedacht. 

 

Mörtter: Das ist ja geil!

 

 

 

Seelsorge, Gottesdienste, Sozialarbeit — wie bekommen Sie das alles unter einen Hut?

 

Mörtter: Man kann nicht alles machen, sonst machste nix. Ich bin wie ein Feuerwehrmann.

 

Meurer: Ich kann nicht alles machen. Ich will auch das Interview nicht autorisieren, dafür hab ich keine Zeit. Sie können doch Ihren Job, also... Und wenn Sie mich jetzt verunglimpfen, dann steche ich Ihnen in die Reifen. Bei Ihnen dann eher am Fahrrad statt am Auto, nehm ich an. Sag mal, Hans, wann werden bei euch die Glocken geläutet?

 

Mörtter: 12 Uhr und 19 Uhr und freitags um 15 Uhr. 

 

Meurer: Morgens nicht, ne?

 

Mörtter: Nee, da will ich nicht den Ärger kriegen. 

 

Meurer: Wir haben ein Hochhaus gegenüber, da rief einer an: Hör mal, ich hab ‘ne Diskothek, ich komme morgens um fünf nach Hause, und um sechs läutet die Glocke ... Ich hab dem gesagt: Alles klar, das war das allerletzte Mal. Das entscheide ich dann, da frage ich auch keinen. Der Mann konnte ja nie einschlafen! Ich denke von den Leuten her, das ist meine Botschaft.

 

Mörtter: Neulich rief eine Frau im Pfarrbüro an, die sich hier gegenüber eine Eigentumswohnung kaufen wollte. Die Südstadt ist ja gentrifiziert, aber noch nicht ganz. Sie fragte, wie oft die Glocken läuten und wie laut die wären. Das müsse sie genau wissen. Ich habe meiner Sekretärin gesagt: Schreib ihr, die Glocken würden regelmäßig läuten, und es wären sechs! 

 

Meurer: Da siehste mal, wir im Rechtsrheinischen haben eine!

 

Mörtter: Glocken müssen sein. In Maria Laach gegossen! Und ich habe der Frau noch ausrichten lassen, wir seien ein Gemeindezentrum, bei uns finde wahnsinnig viel statt, hier träfen sich viele Menschen …

 

Meurer: ... und seien Sie vorsichtig, wenn Sie die Obdachlosen sehen, die hier beim Mörtter musizieren! (beide lachen laut)

 

 

 


Von: Anne Meyer, Bernd Wilberg
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