StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 1.2019

Kategorie: Thema
Stichwort: Gebäude 9

Phönix auf der Schäl Sick

Das Gebäude 9, Kölns wichtigster Rock-Club, schließt zum Jahresbeginn. Und wird doch nicht verschwinden


Fotos: Marcel Wurm


Zum Schluss drehen wir uns noch mal um und blicken in den Hof an der Deutz-Mülheimer Straße, in dem bereits einige Gebäude nicht mehr stehen und der im nächsten Jahr sein Aussehen komplett verändert haben wird. Auf dem Gebäude 9 befindet sich kein weiteres Stockwerk. Intuitiv bin ich immer davon ausgegangen, es gäbe noch mindestens zwei Stockwerke. Völlig verrückt, seit 1997, nur wenige Monate, nachdem Jan van Weegen, Pablo Geller und damals noch viele andere mit ihren Veranstaltungen im Gebäude 9 begannen, besuche ich dort Konzerte. Es ist immer noch der wichtigste Rock- und Indie-Club Kölns, dessen Programm weit in andere Genres übergreift. Die Stadtrevue feierte 2001 und 2016 im Gebäude 9 ihren Geburtstag. Aber offenbar war ich nie bei Tageslicht im Hof.

 

Das Gebäude 9 macht dicht. Nach der Silvesterparty wird ausgeräumt, aber das Equipment wird nicht verkauft, sondern in einem Longericher Lager-haus verstaut. Es ist kein Abschied für immer, im November geht es wieder los. Schon jetzt haben van Weegen und Geller die ersten Veranstaltungen für den Spätherbst 2019 gebucht (Hot Water Music ist bereits ausverkauft). Der gesamte Hof wird renoviert: Das Kunstwerk, der südliche Flügel, bleibt erhalten, die Gebäude im mittleren Teil sind schon abgerissen oder werden entkernt, dann beginnen ab Januar die Arbeiten am Gebäude 9. Anfang Oktober werden van Weegen, Geller und ihre Leute damit beginnen, das Equipment wieder ein-zubauen, Startschuss für den Neubeginn ist der 1. November. »Alle Einbauten kommen raus, nur die Außenmauern bleiben«, beschreibt van Weegen den Umbau. »Wir bekommen noch Fläche dazu, der Konzertsaal wird aber die gleiche Größe behalten.« Die Räumlichkeiten werden versetzt: Der Haupteingang wird die Tür sein, die bislang vom Außen-bereich in den Barraum führte. Die alte Bar wird es nicht mehr geben, dort befinden sich dann Einlass, Garderobe — und neue Toiletten. Die alten sind so sensationell abgeranzt, dass sie als soziale Skulptur eigentlich ins Museum gehören. »Aber das wichtigste ist, dass wir zukünftig Backstage-Räume haben, die diesen Namen wirklich -verdienen«, sagt der 49-Jährige. 

 

Dass das Gebäude 9 nicht komplett verschwindet, war keine Selbstverständlichkeit: Vor vier Jahren schien es, als ob die Eigentümer das gesamte Areal, zu dem auch die nörd-lich angrenzenden Grundstücke gehören, so »entwickeln« würden, dass kein Platz mehr fürs Gebäude 9 in »Cologneo« wäre. So wird das Quartier heißen, das die private CG Gruppe im Mülheimer Süden bauen wird. Es ist eines der ambitioniertesten Projekte im inneren Stadtgebiet Kölns — und überwiegend hochpreisig. Der Aufschrei, der durch die Kölner Kulturszenen ging, wurde von der Politik vernommen. Das Gebäude 9 gewann den Kampf. »Clubs mit dieser Patina gibt es immer weniger, das ist ein internationales Problem. Zur Zeit führt die Clubszene Rückzugsgefechte, nicht nur in Köln, sondern international«, meint van Weegen. -»Die Clubs sind die ersten Opfer der Nach-verdichtung.«

 

Das ist Resultat einer paradoxen Entwicklung: Die Leute drängen in die Stadt — vor allem ein zahlungskräftiges Klien-tel —, nicht zuletzt weil Clubs wie das Gebäude 9 oder die (noch) zahlreichen Locations in Ehrenfeld ein aufregendes, ungezügeltes, urbanes Leben verheißen. Aber damit sind nun mal Lärm und Trubel verbunden. Wer es sich leisten kann, viel Geld für die Wohnung in der Stadt auszugeben, stellt auch Ansprüche an Ruhe und Gediegenheit. Und plötzlich gelten die Clubs als unerwünschte Lärmquelle. Jan van Weegen, der sich in der Kölner Klubkomm, dem Zusammenschluss von hiesigen Veranstaltern und Club-Betreibern engagiert, versteht das nicht als technisches, sondern als politisches Problem: »Für eine Stadt wie Köln ist es alternativlos, dass es eine funk-tionierende Clubszene gibt. Wenn man weiterhin will, dass die junge, kreative Szene nach Köln kommt, dann muss man diese Orte aufrechterhalten.« Er setzt darauf, dass die integrative Neugestaltung des Hofs Präzedenzfall sein könnte für eine nachhaltige Neuentwicklung von städtischen Gebieten. Das Gebäude 9 wird im Norden durch eine Lärmschutzwand vom neu entstehenden Wohngebiet getrennt.

 

In Monaten wie April, Mai oder im Herbst finden fast täglich Konzerte und Partys im Gebäude 9 statt, das ist nicht zu kompensieren. 2019 wird das Konzertleben in Köln spür-bar ärmer, Geller und van Weegen werden nicht in ein temporäres Exil gehen und in anderen Locations veranstalten. 

 

Ein letzter Blick in den alten Konzertsaal. Was hat sich in all den Jahren geändert? »Die ökonomische Bedeutung von Live-Auftritten hat zugenommen. Die Bands sind disziplinierter und konzentrierter bei der Sache als früher, wo man zum Album-Release halt ein paar Konzerte gespielt hat. Heute sind sie das ganze Jahr über unterwegs. Dass sie nach den Auftritten noch mit den Fans zusammen an der Bar stehen und feiern, kommt kaum noch vor. Das Anarchi-sche aus dem Tour-leben ist eigentlich verschwunden«, resümiert van Weegen. Das Gebäude 9 wird nicht verschwin-den, das Anarchische, das diesen Ort seit jeher ausgezeichnet hat und der Grund dafür war, warum es nie -seinen Charme verlor, hoffentlich auch nicht. 

 

Übrigens: Gebaut wird auf dem Gelände auch über 2019 hinaus, und in fernerer Zukunft wird das Gebäude 9 tatsächlich um einige Etagen aufgestockt.

 

 


Von: Felix Klopotek
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