StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 2.2019

Kategorie: Musik
Stichwort: Kölsche Tön

Lieder über den Tod

Die Kölner Band Lingby meldet sich zurück


Lingby wurde von Judith Heß und Willi Dück bereits 2006 gegründet. Ohne die Unterstützung eines Plattenlabels spielte die inzwischen zum Quintett erweiterte Band umfangreiche Tourneen etwa durch Skandinavien, segelte dabei aber trotz der hohen Qualität ihres zarten Indierocks immer ein wenig unterhalb des Aufmerksamkeitsradars. Mit dem nun erscheinenden dritten Album »Silver Lining« sollte sich das ändern — denn Lingby haben zu einer neuen Konsequenz gefunden: Der Sound ist inzwischen schwerpunktmäßig elektronisch und wird angereichert durch markante Blechbläserklänge, Judith Heß ist als Sängerin in den Mittelpunkt gerückt. Sie überrascht dabei durch einen souveränen Ausdruck zwischen Folk-Sopran alter Schule und TripHop. Trauriges Leitmotiv des Albums ist der Tod ihres Vaters, den Judith Heß in den Songs verarbeitet. Im Interview erzählt sie von diesem Prozess.

 

 

Stilistisch habt ihr mit dem neuen Album einige radikale Schnitte gemacht. Es gibt keine Indie-Gitarren mehr, generell wirkt die Produktion eher elektronisch als handmade. Wie kam es zu diesem Wandel?

 

Es ist elektronischer geworden — wobei elektronisch und handmade ja keineswegs ein Widerspruch sind. Wir haben die meisten Sounds bei uns im Heimstudio gebastelt, wo übrigens ohnehin fast das gesamte Album entstanden ist. Es ging uns zu keinem Zeitpunkt darum, einen Stil zu verfolgen, sondern die richtige Stimmung und den richtigen Ausdruck zu finden. Unsere Ausrichtung war eine inhaltliche und keine stilistische. Wenn überhaupt irgendeine Form von Kategorisierung, dann würde ich das Album als Konzeptalbum bezeichnen.

 

 

Willi kommt als Sänger quasi nicht mehr vor, du bist als Leadsängerin in den Vordergrund gerückt. Hat dies etwas mit der Thematik des Albums zu tun?

 

Das ist richtig. Es wurde im Laufe der Zeit immer deutlicher, dass das Album aus einer Art Erzählperspektive kommen muss.

 

 

Den Tod im privaten Umfeld zum Leitmotiv eines Albums zu machen, mit dem man in die Öffentlichkeit geht ... ist euch das schwer gefallen?

 

Dass dieses so persönliche Thema nun wirklich öffentlich wird, wird mir offengestanden jetzt erst richtig klar. Die Vorstellung, sich mit diesen Songs auf die Bühne zu stellen, Rezensionen zu lesen etc., kann einem ganz schön Respekt machen. Auf der anderen Seite hat sich aber an meiner Einstellung nichts geändert: Ich denke, Musik wird am überzeugendsten und greifbarsten, wenn man etwas zu erzählen hat, das man auch wirklich erlebt hat. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird das Thema Tod und Verlust auch Leute abschrecken oder gar überfordern, für mich persönlich macht Kunst aber nur Sinn, wenn man sich traut, sich aus dem Fenster zu lehnen und sich die Blöße zu geben.

 

 

Ein therapeutischer Prozess also?

 

Die therapeutische Seite spielt sicherlich eine Rolle, man könnte sagen, dass das Schreiben der Stücke mein und unser Wegbegleiter und in gewisser Weise der Weg zurück ins Leben nach und mit der Trauer war. Es war ein konstanter Trost, eine Erinnerung an das, was war und wie man das Leben sehen und leben will. Und ein Vermächtnis an die Person, die nicht mehr da ist, aber trotzdem so viel hinterlassen hat.

 

 

Wie konkret zu werden hast du dir erlaubt beim Texten?

 

Ich habe mir im Prozess immer wieder die Frage gestellt, ab welchem Punkt man die Hörer überfordern könnte, wann es zu viel oder zu nah wird. Bei diesem Album habe ich irgendwann endgültig aufgegeben, kryptisch sein zu wollen. Trotzdem hoffe ich, dass die Texte und die musikalische Umsetzung genug Spielraum geben, damit jeder seine ganz eigenen Gedanken und Gefühle dazu entwickeln kann. 

 

 

Zu Beginn habt ihr euch explizit als christliche Band positioniert, das ist im Laufe der Jahre eher in den Hintergrund getreten. Auf dem neuen Album wird Gott mal erwähnt, aber man könnte das auch als Platzhalter interpretieren. Wie ist denn aktuell euer Verhältnis zum Glauben und welchen Einfluss hat das auf die Musik?

 

Als wir mit Lingby angefangen haben, waren Willi und ich noch recht stark im christlichen Umfeld verwurzelt, in dem wir aufgewachsen sind. Man könnte sagen, dass wir uns als Suchende definiert haben. Damals ging es um Fragen, die man an Gott hatte, Zweifel, die man hegte, Altes, das man ablegen wollte. Ich glaube, dass wir das hinter uns gelassen haben und wir ungern in irgendeine Ecke einsortiert werden wollen. Genauso, wie sich unsere Leben und unsere Ansichten geändert haben, haben sich eben auch die Themen verändert. Mein Vater war ein tiefgläubiger und dankbarer Mensch, der buchstäblich bis zu seinem letzten Atemzug nicht aufgehört hat zu glauben und zu hoffen. Daher würde es der Sache nicht gerecht, wenn das gar keinen Platz in den Texten fände. Ich persönlich kann nur sagen, dass ich mittlerweile keine Ahnung mehr habe, was nach dem Tod geschieht, wo mein Vater jetzt ist, ob er überhaupt irgendwo ist. Aber ich wünsche ihm von Herzen, dass alles, woran er geglaubt hat, auch eingetroffen ist.

 

 

Ihr seid schon wirklich lange dabei, habt bislang alle Platten in Eigenregie veröffentlicht und geltet in Köln irgendwie als Prototyp einer modernen DIY-Band. Ärgert ihr euch bisweilen darüber, dass ihr trotz der zweifellos hohen Qualität eurer Musik noch immer um die gebührende Aufmerksamkeit kämpfen müsst?

 

Wir haben nie Stücke unter der Prämisse des Erfolgs geschrieben. Ich kann und will nur vertonen, was in mir ist — und das ist offensichtlich nicht für eine wirklich breite Masse geeignet. Klar hat man den Ehrgeiz, das Beste aus sich herauszuholen, und die ordentliche Portion Narzissmus, die wohl jeder auftretende Künstler hat. Aber das ist für mich kein Grund, etwas zu ändern.

 

 

Tonträger: »Silver Lining« erscheint am 22.2. bei KLAENG

 

StadtRevue präsentiert: Konzert: Do 21.2., Artheather, 20 Uhr

 

 


Von: Oliver Minck
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