StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 2.2019

Kategorie: Theater
Stichwort: flausen+bundeskongress#2 

Sichtbar werden

Auf dem flausen+bundeskongress#2 verhandeln Akteur*innen aus der Freien Theaterszene aktuelle Bedingungen ihrer Arbeit


Zu dem internationalen Fachkongress unter dem Titel »The Politics of Art« mit insgesamt rund 25 Veranstaltungen werden Anfang Februar rund 180 Teilnehmer*innen aus der Freien Szene, Politik und Wissenschaft erwartet. Themen sind u.a. die »Künstlerische Kooperationen im Europa der Nationalismen« und »Zwischen Freiheit und Auftrag — die Kunst in unsicheren Zeiten«. Tagungsort ist das freie Werkstatt Theater (FWT) Köln. Ein Gespräch mit Gerhard Seidel, Mitinitiator und Leiter des FWT.

 

 

Herr Seidel, der Titel Ihres zweiten Bundeskongresses lautet: »The Politics of Art«. Ist Kunst, sind Künstler*innen heute politischer als noch vor fünf oder zehn Jahren?

 


Ich meine: ja. Das Kongressmotto ist Ergebnis der Gespräche, die wir im Vorbereitungsteam in den vergangenen Monaten mit Kolleginnen und Kollegen geführt haben. Wir spüren, dass die Entschlossenheit, die Bedingungen der eigenen Arbeit selbstbewusst zu gestalten, gewachsen ist. Neue Bündnisse entstehen, ich nenne nur das Bündnis für Freie Darstellende Künste, das sich Ende 2017 etabliert hat. Oder das flausen-Bundesnetzwerk selbst: Am Anfang stand die Idee, Freiräume künstlerischer Arbeit zu schaffen — jenseits des Produktions-drucks. In wenigen Jahren ist ein Netzwerk aus 24 Theatern und Orten künstlerischer Forschung gewachsen, das bundesweit agiert.

 

 

Gibt es eine gemeinsame Basis, ein Interesse der Künstler*innen für gesellschaftlichen oder politischen Diskurs oder sind alle Einzelkämpfer*innen?

 


Angesichts der Produktions- und Verwertungsbedingungen künstlerischer Arbeit erweist sich jeder Gedanke ans Einzel-kämpfer-dasein als illusionär. Politisches Handeln braucht Bündnisse, und politisches Handeln heißt mehr, als sich auf Verteilungskämpfe um Fördermittel einzulassen. Der Kongress nimmt deshalb die Arbeits- und Lebens-bedingungen der Darstellenden Künstler*innen als Ganze in den Blick. Das heißt: In welchen sozialen, ökonomischen, kulturellen Verhältnissen arbeiten wir? Wohin lenken wir Kreativität? Welche Arbeitsweisen, Ausdrucksformen soll die künstlerische Produktion annehmen?

 

 

Kann man die Freie Theaterszene noch als etwas Ganzes betrachten? 

 

Sie teilt sich mittlerweile in zwei Gruppen auf: Auf der einen Seite Akteur*innen, die mit dem Stadttheater ihre Stücke aufwändig produzieren können und andererseits die selbstorganisierten Künstler*in-nen mit kleinen Budgets. Die Schere zwischen den Budgets, den Produk-tions- und Aufführungsbedingungen der Freien klappt auseinander. Aber jenseits der »Großen« gibt es Potentiale, die fruchtbar gemacht werden können — wenn sie sich zu einer »kritischen Masse« verbinden. Das ist unsere Idee: ein Verbund aus mittleren und kleinen Theaterhäusern, der Künstler*innen Experimentalräume bietet.

 

 

Muss eine Vernetzung der Freien Szene nicht zu einer politischen Interessensvertretung führen, die die Anliegen und Notwendigkeiten der Künstler*innen gegenüber der Politik und Förderinstitutionen vertritt?

 


Solche Interessenvertretungen gibt es bereits auf Bundesebene mit dem Bundesverband Freie Darstellende Künste und den Landesverbänden. Hier wird gute Arbeit ge-leistet. Darüber hinaus hat sich in den vergangenen Jahren eine Reihe von Netzwerken und Initiativen gegründet, regional wie bundesweit, und das flausen-Bundesnetzwerk gehört dazu. Ich sehe das durchaus als Zeichen einer wachsenden Politisierung der Freien Szene, die sich an der Alltagspraxis von Küns-tle-r*in-nen und ihren Bedürfnissen entzündet. Die große Herausforderung der kommenden Jahre wird es sein, dem vielstimmigen Diskurs seine Versammlungsorte zu geben. Der flausen-Bundeskongress versteht sich als ein solcher Ort, an dem solidarische Handlungsprinzipien diskutiert, Entscheidungsprozesse gestaltet und politische Forderungen formuliert werden.

 

 

Ein geordneter Diskurs reicht also?

 

Oder müssen Künstler*innen nicht durch Aktionen Druck ausüben, um ihre Situation zu verbessern? Ich glaube, dass institutionalisierter Diskurs und punktuelle Aktion nicht getrennt betrachtet werden können. Aktionen schaffen öffent-liche Aufmerksamkeit und temporäre Sichtbarkeit. Insofern verstehen wir den flausen-Bundeskongress als kulturpolitisches Forum. Aber die Diskussion aus diesen drei Tagen, soll natürlich weitergehen. Eines der Foren wird das Bündnis für Freie Darstellende Künste sein, das ich schon erwähnt habe. 

 

 

Ein weiterer Schwerpunkt des Kongresses ist der Umgang mit dem wie-dererstarkten Nationalismus und den politischen Veränderungen Europas, die Künstler*innen unter Druck setzen und die Handlungsräume einengen. Was für ein Signal gegen diese Entwicklung kann von dem Kongress ausgehen?

 


Erst einmal: Bündnisse und Netzwerke von Künstler*innen brauchen einen inter-nationalen Rahmen. Deshalb freuen wir uns, dass mit Kathrin Husanova eine Vertreterin der neu gegründeten European Association of Independent Performing Arts zum Kongress kommen wird. Weiterhin werden wir Kolleginnen und Kollegen aus Bulgarien, Italien und Slowenien zu Gast haben und hören, was sie zu sagen haben. Wofür sie, ganz konkret, unsere Solidarität brauchen. Ein kleines Beispiel: Im vergangenen Herbst erfuhren wir aus Italien von der »Neuordnung« der Förderpolitik für künstlerische Residenzen, die mit Herabstufungen und Mittelentzug operiert. Das flausen-Netzwerk konnte zwei be-trof-fenen Kollegen spontan eine Residenz anbieten. Gelebte Solidarität über Grenzen hinweg braucht Kontakte, wir wünschen uns, dass der Kongress möglichst viele stiftet. 

 

 

 


Von: Karnik Gregorian
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