StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 2.2019

Kategorie: Kommunal
Stichwort: Jochen Ott

Wat Ott es, es fott

Jochen Ott stand für den Aufbruch in der Kölner SPD. Jetzt zieht sich der Parteichef zurück


Zur Sonne, zur Freizeit? Überbleibsel von Jochen Ott in Ehrenfeld, Foto: Marcel Wurm

Es kam überraschend, doch man hätte es ahnen können. Jochen Ott, 18 Jahre Chef der Kölner SPD, hat es satt. Er tritt im März nicht mehr an, wenn die Partei eine neue Spitze wählt. Es sei Zeit für eine neue Generation, jünger und weiblicher, sagt er. Ott, gerade mal 44 Jahre, macht Platz für eine Frau: Christiane Jäger. Bloß, jünger als Ott ist die 55-Jährige, die derzeit bei der Stadt Köln die Abteilung für Stadtentwicklung leitet, nicht. 

 

Jäger gehört als neue Parteichefin nun auch zum Kreis möglicher OB-Kandidatinnen, um bei der Wahl im Mai 2020 Henriette Reker abzulösen. Reker siegte 2015 mit Unterstützung von CDU, Grünen und FDP — und bescherte dem SPD-Gegenkandidaten eine krachende Niederlage: Jochen Ott. 

 

Noch heute zehrt dieser Wahlkampf an Ott, nicht nur, weil die einst mächtige SPD auf verlorenem Posten kämpfte. Als vor dem Wahltag 2015 ein Rechtsextremer einen Anschlag auf Reker verübte, folgten Stimmen aus Rekers Wahlkampf-Team, die Ott für die »aufgeheizte Stimmung« verantwortlich machten. Das war unhaltbar, auch infam. Doch folgte auch andere Kritik an Wahlkampf und Kandidatur, aus dem eigenen Lager. 

 

Dabei hatte alles so gut angefangen. Ott begann 2001 als junger Wilder. Als neuer Parteichef stellte er mit Freund Martin Börschel als neuem Fraktionschef die SPD nach dem Parteispendenskandal neu auf. Da war Ott gerade mal 26 Jahre alt. 2004, drei Jahre später, war die SPD als Partner der CDU zurück an der Macht. 2009 wurde sie stärkste Kraft und ihr Kandidat Jürgen Roters Oberbürgermeister. Dann wendete sich das Blatt. Die Grünen, die Roters unterstützt hatten, fühlten sich übertrumpft, als ihr Fraktionsgeschäftsführer Jörg Frank mit seiner Bewerbung zum Stadtkämmerer am Regierungspräsidenten scheiterte. Was würde nun die Gegenleistung sein? Die Grünen konnten keine erkennen. Es begann das tiefe Misstrauen zwischen beiden Parteien. 

 

Nach der Wahl zum Stadtrat 2014 hatte Rot-Grün bloß eine Stimme Mehrheit. Und die ging bei einer Neuauszählung verloren. In einem Briefwahlbezirk waren Stimmen vertauscht worden. Ein Jahr weigerte sich die SPD, die Wahl prüfen zu lassen. Sie stand plötzlich als Wahlbetrüger da. Nach der Neuauszählung Mitte 2015 verlor die SPD ihren Sitz im Rat. Auf diesem saß: Jochen Ott. Er war damals schon OB-Kandidat für die Wahl im September gegen Reker. 

 

Das rot-grüne Bündnis war durch Rekers Kandidatur ohnehin zerbrochen. Das Desaster hatte der SPD ausgerechnet OB Jürgen Roters eingebrockt. Ende 2013 stellte er sich gegen Ott und Börschel: Obwohl die OB-Wahlen per Landesgesetz auf 2014 hätten vorgezogen werde können, schöpfte Roters seine Amtszeit bis 2015 aus — anstatt sich mit guten Aussichten vorzeitig wieder zur Wahl zu stellen. Das brachte seine Partei in arge Nöte. Ott und Börschel kungelten die Kandidatur mühsam unter sich aus, die Basis murrte. 

 

Das Ende der Ära Ott markierte dann sein Freund Martin Börschel. Der Fraktionschef wollte sich Mitte 2018 ohne Ausschreibung einen neuen Chefposten bei den Stadtwerken sichern. Ott wusste von nichts, sagt er. Börschel trat zurück. Spätestens da musste Ott klar sein, dass vom einstigen Neubeginn nichts mehr übrig war. 

 

So präzise Otts Analysen sind, wenn er von der sozialen Spaltung der Stadt oder Versäumnissen der »Reker-Chaostruppe« in der Verkehrs- und Wohnungspolitik spricht — Selbstkritik war in der SPD nie zu vernehmen. Fraktionsmitglieder sprachen von einer »Wagenburgmentalität«. Als Christian Joisten dann Fraktionschef Börschel beerbte, wurde auch Kritik am Parteichef laut. Jetzt zieht Ott die Konsequenzen.

 

Im Landtag aber bleibt Ott, als Fraktionsvize will er mit schul- und wohnungspolitischen Initiativen weitermachen. So ganz ist er auch nicht aus Köln weg. »Wir spielen auf Sieg«, sagt Ott mit Blick auf die Wahl 2020, obwohl noch keine Kandidatur feststeht. Falls dieses Spiel erneut verloren geht, liegt es jedenfalls nicht mehr an Ott. Der Neubeginn hat begonnen, wie schon 2001.

 

 


Von: Bernd Wilberg
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