StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 3.2019

Kategorie: Kommunal
Stichwort: Klimaschutz

Zur Sonne, zum Freitag

Auch in Köln demonstrieren Schüler für den ­Klimaschutz. Das Schulministerium droht ihnen


Wann kommt die »zwangsweise Zuführung« zum Unterricht? Schulstreik am 8. Februar am Alter Markt, Foto: Marcel Wurm

Seit August 2018 befindet sich die 16-jährige Greta Thunberg im »Skolstrejk för Klimatet«, im Schulstreik für das Klima. Jeden Freitag steht sie vor dem schwedischen Parlament, statt in der Schule zu sitzen. Damit wurde sie zum Vorbild: Heute sind die »Fridays for Future«-Proteste ein globales Phänomen, auch in Köln. 

 

 

Am 8. Februar, dem Tag der Zeugnisausgabe, stehen 150 bis 200 junge Menschen, Schüler*innen und Auszubildende am Alter Markt und demonstrieren. Die Stimmung ist gut, man lacht und unterhält sich. Auf den Bannern steht: »Wieso sollen wir lernen, für eine Zukunft die es nicht gibt?« oder »Change the system, not the climate«. Aus dem Lautsprecher schallt Ton Steine Scherbens »Keine Macht für Niemand«. Zwei Polizisten trotten unbeteiligt vorüber. 

 

 

Ich treffe Leander Dieckow. Er ist 18 Jahre alt, besucht das Albertus- Magnus-Gymnasium in Bensberg und ist Mitglied beim Jugendverband Die Falken. Er findet es gut, dass die Klimabewegung eine junge Bewegung ist, »weil es unsere Zukunft ist, die da verspielt wird, unsere Zukunft, die versaut wird.« Die Bewegung dürfe sich nicht aufspalten in verschiedene Altersgruppen oder Nationalitäten. Dieckow sieht »Zusammenhänge zwischen Profitgier und Umweltzerstörung«. Damit ist er nicht alleine: An diesem Freitag sind viele kapitalismuskritische Stimmen zu hören. 

 

 

Fridays for Future sind basisdemokratisch organisiert, ihre Plena sind offen. Entscheidungen treffen die Schüler*innen größtenteils im Konsens. »Wir sind deutschlandweit in Whatsapp- oder Telegramgruppen vernetzt«, sagt Leander Dieckow. »Mittlerweile haben wir ein ausgereiftes Delegierten-System, in dem sich Leute aus jeder Ortsgruppe treffen oder Telefonkonferenzen abhalten.« Die Aktivist*-innen von Fridays for Future beherrschen die neuen Kommunikationsmittel, mit denen sie aufgewachsen sind, schauen sich aber auch Organisationsformen vom Aktivismus der 70er und 80er Jahre ab. Zum Teil waren die Eltern der Demonstrierenden in der Anti-AKW-Bewegung aktiv. Fridays for Future wäre wohl nicht möglich, wenn nicht viele Eltern die Ziele der Schüler*innen unterstützen würden. »Mein Vater war nie so ein großer Klimaschützer, aber der feiert das halt«, sagt Dieckow. 

 

 

Fridays for Future will sich nicht von der Politik vereinnahmen lassen. Als Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) Ende Januar vor den Schüler*innen von Fridays for Future in Berlin sprechen wollte, wurde er ausgebuht und konnte die Bühne nicht betreten. Viele Politiker*innen loben das politische Engagement der Schüler*innen. »Natürlich ist es ganz nett, dass die sagen: ›Toll, die Jugend geht auf die Straße‹«, sagt Dieckow. »Aber wir wollen einfach, dass die bessere Klimaschutzpolitik machen. Es ist nicht der Sinn der Sache, dass wir getätschelt werden.«

 

 

Das werden die Schüler*innen auch nicht. NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) erklärte im WDR, dass die Demonstrationen nach der Schule stattfinden sollten. Schließlich sei dies bei den Anti-AKW-Protesten auch so gewesen.  Für Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) sind die Streikenden Schulschwänzer. Mitte Februar schrieb sie einen Brief an die Schulleiter in NRW, in dem sie diese aufforderte, »für die Einhaltung der Schulpflicht« zu sorgen. Dem Brief war ein Maßnahmenkatalog beigefügt, der etwa eine »zwangsweise Zuführung« zum Unterricht vorsieht. »An meiner Schule gab es einige Lehrerinnen und Lehrer, die meinten, dass sie gerne mitkommen würden, aber nicht könnten«, sagt Dieckow. Sie hätten ihm aber angeboten, die Fehlstunden nicht aufzuschreiben. »Das finde ich sehr cool.« Der 18-Jährige macht nächstes Jahr sein Abitur und findet, dass man bei den Freitags-Demos auch viel lerne: »Man tauscht sich auf diesen Demos aus, das ist ein Kontrastprogramm zur Schule. Dort sollte mehr über Politik und Klimawandel geredet werden — nicht nur zwei Stunden pro Woche.«

 

 


Von: Till Struve
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