StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 3.2019

Kategorie: Literatur
Stichwort: Literatur

Die Schläue des Landlebens

Verdrängte Familiengeschichte, ungelüftete Dorfgeheimnisse: Vea Kaisers Romane erzählen vom ländlichen Österreich


Im Dreivierteltakt zur Bestseller-Autorin: Vea Kaiser, Foto: Ingo Pertramer

Es gibt nicht viele österreichische Autorinnen, deren Privatleben es in die Boulevardmedien schafft. Vea Kaiser gehört dazu. Mit einem »Spatzi-Doktor« sei sie verheiratet, meldete das Newsportal heute.at im vergangenen Jahr. Verantwortlich für soviel Ruhm ist Kaisers Debütroman »Blasmusikpop«. 130.000 mal wurde die Geschichte eines neunmalklugen Dorfbewohners verkauft, dem die Flucht aus seinem Heimatdorf nicht gelingt, weil er durch die Matura rasselt. Stattdessen erforscht er als niederösterreichische Variante des römischen Geschichtsschreibers Herodot das Leben und die Geschichte der Dorfbewohner und macht darüber schließlich seinen Frieden mit ihren Marotten. 

 

Vea Kaiser erzählt all dies mit humorvoller Distanz, aber durchaus traditionell — halt wie jemand, die die »Satiren« und die »Metamorphosen« gelesen hat, aber den nagenden Fragen der Postmoderne über das Erzählen von Geschichte und seiner Fallstricke lieber ausweicht. Aber warum sollte sie auch? Schließlich kennt Kaiser sich als studierte Altphilologin woanders einfach besser aus.  

 

Auch in ihrem neuen Buch »Rückwärtswalzer« spielt die Altphilologie wieder eine wichtige Rolle. Protagonist Lorenz hat seine langjährige Freundin Stephi einst in der Bibliothek des Altphilologischen Instituts kennengelernt, wo sie an ihrer Doktorarbeit schreibt. Nach einem steilen Start verläuft Lorenz‘ Schauspielkarriere im Sande, schließlich trennt sich auch noch Stephi von ihm. Es kommt, wie es kommen muss, er landet wieder im Schoß der Familie (erkennen Sie das Muster?): bei Onkel Willi und den drei Tanten Wetti, Mirl und Hedi. Vea Kaiser erzählt die Geschichten dieser sehr unterschiedlichen Familienmitglieder in Rückblenden, die bis in die Nachkriegszeit zurückreichen, als der Bauernhof der Familie von russischen Soldaten besetzt war. Und als Onkel Willi stirbt und in Mazedonien begraben werden will, machen sich die drei Tanten und ihr Neffe auf eine Reise auf, in der sich nicht nur die Geschichte des Habsburgerreiches widerspiegelt, sondern auch ein verdrängtes Familiengeheimnis wieder zutage tritt.

 

 

Do, 14.3., Buchladen Neusser Straße, 19.30 Uhr.

 

Vea Kaiser: »Rückwärtswalzer«, KiWi, 430 Seiten, 22 Euro 

 

 


Von: Christian Werthschulte
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