StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 3.2019

Kategorie: Titel
Stichwort: Türkische Popmusik im Exil

Kölsch Kültür – Teil 1

Liedermacher und HipHopper, Schnulzensänger und Barden, politische Exilanten, Alltagsethnologen, Sprachrohre ihrer Generation — die türkische Popmusik in Köln ist reich an Künstlern, Unternehmern, Aktivisten und ihren Songs. Murat Güngör und Hannes Loh erzählen ihre Geschichte


Metin Türköz, Foto: © Yilmaz Asöcal/Türküola

Türküola-Plattenladen am Hansaring, Foto: Privat

Yarinistan 1988 in Berlin, © Yarinistan-Archiv

Signore Rossi und Kutlu von der Microphone Mafia, Foto: Florian Wilde

 


Dieser Text ist Necla Türköz gewidmet, der Ehefrau von Aşık Metin Türköz, die am 3. Februar unerwartet verstarb.

 

Weltoffen, multikulturell, kosmopolitisch — dieses Schmelz--tiegel-Narrativ ist fest im Geschichtsbewusstsein der Kölnerinnen und Kölner verankert. Wer sich in der städtischen Kulturszene umschaut, findet viele Belege für diese These — von der Philharmonie bis zum Afro-Trap. Erst kürzlich erschien der Stadtführer »Köln kosmopolitisch« von Milto Oulios, der die ganze Bandbreite interkultureller Projekte in Köln darstellt und deren Potenzial auslotet. 

 

Aber welche Stadtchronik erinnert an die Kölner Yüksel Özkasap oder Metin Türköz, die in den 60er, 70er und 80er Jahren Hunderttausende Tonträger verkauften? Wer weiß, dass Türküola — das erfolgreichste Independent-Label der Bonner Republik — sein Hauptquartier am Hansaring hatte? Und wer hat eine Ahnung davon, welchen Einfluss die rege kulturelle Praxis der Gastarbeiter und Exilanten auf die Entwicklung der kölschen Musikszene hatte — von Arsch Huh bis HipHop?

 

 

 

Am Anfang war Türküola

 

Es gibt diese Geschichte und sie hat einen Anfang. 1955 kam Yılmaz Asöcal für ein Germanistikstudium nach Köln. Seine Lebensgeschichte beschreibt er eindrucksvoll in dem Buch »Nasil Kazandilar« (»Wie haben Sie gewonnen?«) von Doğan Pürsün. Um sein Studium zu finanzieren, war er als Dolmetscher für die deutschen Arbeitgeber tätig. Das hatte den Vorteil, dass er nah an den so genannten Gastarbeitern war und deren Bedürfnisse kennen lernte. Laut dem Musikexperten Cevdet Yildirim standen Nachrichten und Musik aus der Türkei weit oben auf der Wunschliste der Arbeiter aus Anatolien. Asöcal erkannte das riesige ökonomische Potenzial dieser Bevölkerungsgruppe — die deutschen Unternehmer sahen die Gastarbeiter nur als Arbeitskräfte und nicht als Kunden. Und so gründete er 1964 sein erstes Unternehmen: Türkisch-Deutsch-Export. Mit diesem Unternehmen schuf er die Blaupause für die zahllosen Import-Export-Läden, die es mittlerweile in allen deutschen Metropolen gibt und deren Warenangebot sich vorwiegend an Migrantinnen und Migranten richtet. Heutzutage würde man von Startup-Qualitäten sprechen. 

 

Aber zur Wahrheit gehört auch: Damals durften Migranten ohne einen deutschen Geschäftspartner kein eigenes Gewerbe gründen. Folglich stand die junge Firma vor dem Aus, als es zu Differenzen zwischen Asöcal und seinem deutschen Partner kam. Doch Asöcal schaffte es durch die Vermittlung des Kölner SPD-Bundespolitikers Hans-Jürgen Wischnewski eine Genehmigung zur alleinigen Unternehmensgründung zu bekommen. Innerhalb von wenigen Jahren schuf er ein kleines Imperium: Seine Kölner Firma Türküola wurde zum wichtigsten Label für migrantische Musik in Europa und Asöcal zu einem erfolgreichen Unternehmer, der mehrere Millionen Tonträger verkaufte. Auch machte er in der Türkei lebende Künstler wie Ibrahim Tatlises in Deutschland zu Stars. Begleitet wurden seine Plattenveröffentlichungen mit großen Werbekampagnen in türkischen Zeitungen. Heute erinnert nicht einmal ein Wikipedia-Eintrag an ihn. Menschen wie Asöcal haben nicht darauf gewartet, dass ihnen die Zivilgesellschaft eine Plattform bietet, sondern eigenständig die Initiative ergriffen, um auf die musikalischen und kulturellen Bedürfnisse von Migranten zu reagieren. In Deutschland war Köln lange Zeit das Epizentrum für Musik von Migranten.

 

 

 

Metin Türköz erobert die Wohnheime 

 

Zwei Biografien, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Der promovierte Germanist und Unternehmer Asöcal trifft auf den Gastarbeiter Metin Türköz, der bei Ford angestellt ist und in seiner Freizeit die Langhalslaute Saz spielt. Nach einem improvisierten Konzert von Türköz zum türkischen Nationalfeiertag am 29. Oktober stehen am nächsten Tag Kunden bei Türküola vor der Tür und fragen nach Schallplatten von ihm. Es folgen Vertrag, Studioaufnahmen und große Verkäufe. 1967 erschien Türköz’ erste Single »Turist/Almanya Destani«. Während seiner Karriere als Liedermacher veröffentlicht er 13 Alben und 72 Singles, auf denen er die Sehnsucht und das Heimweh der ersten Gastarbeitergeneration besingt, den Arbeitsalltag darstellt und die Bedingungen, unter denen die Ford-Arbeiter ihr Geld verdienen müssen. Der deutsch-türkische Regisseur, DJ und Musikexperte Nedim Hazar nennt Metin Türkoz »die Stimme der türkischen Arbeiter in Deutschland«. Türkoz spielt geschickt mit Ironie, Mehrsprachigkeit und Neuwortschöpfungen in seinen Liedern, um so Machtverhältnisse in den Betrieben zu unterlaufen: Häufig kommt die Figur des deutschen Vorarbeiters, des »Maestero«, in seinen Liedern vor, die er augenzwinkernd aufs Glatteis führt.

 

Türköz füllt die kulturelle Leerstelle der Menschen in den Gastarbeiter-Wohnheimen und verleiht den Ungleichheiten, die sie in den Betrieben erleben, ein Ventil. Lange bevor das Wort Empowerment zur Modevokabel wird, bietet Türköz seinen Kolleginnen und Kollegen kluge Strategien zur Selbstermächtigung an. Imran Ayata, der gemeinsam mit Bülent Kullukcu 2013 die Compilation »Songs of Gastarbeiter« veröffentlicht hat, sieht ihn sogar als Vorläufer der HipHop-Kultur: »Metin Türköz ist für mich sowohl von der Attitude als auch von der Herangehensweise der erste HipHopper. Zum einen, weil er seine Musik sehr collagenhaft arrangiert hat, ähnlich wie das später im Sampling stattfindet, zum anderen, weil er immer wieder mit einem deutsch-türkischen Sprachmix experimentiert hat.« 

 

 

 

Mit dem U-Boot in die Charts

 

1970 geschieht etwas Ungewöhnliches: Ein türkisches Lied platziert sich sowohl in Deutschland als auch in Österreich in den Top Ten. Acht Wochen lang hält es sich in Deutschland in den Charts. Es stammt nicht von Metin Türköz oder der »Nachtigall von Köln« Yüksel Özkasap, sondern vom Schlagersänger Peter Alexander. Das Lied hieß »Oh Lady Mary«, geschrieben hat es der türkische Filmkomponist Metin Bükey. In der Türkei wird der Song auf fast jeder Hochzeit gespielt, dort jedoch im Original als »Samanyolu«. Die wenigsten Käufer der Single dürften 1970 erkannt haben, dass es sich um ein türkisches Volkslied handelte. Wiederum dürften die Gastarbeiter in den Wohnheimen irritiert gewesen sein, da der türkische Text als deutscher Schlager umgeschrieben und auch musikalisch an die deutschen Ohren angepasst wurde. Hier offenbarte sich die strenge Segmentierung des deutschen Musikmarkts und auch ein kultureller Rassismus: Auf der einen Seite ein Label wie Türküola, das über seine Import-Export-Strukturen allein von Yüksel Özkasaps Album »Beyaz Atli« 800.000 Einheiten verkauft hat (nach heutigen Maßstäben vierfach Platin). Auf der anderen Seite deutsche Plattenfirmen wie Ariola, Polydor, Phonogram oder Bellaphon, die diesen erfolgreichen Künstlerinnen und Künstlern keine Tür öffnen; stattdessen aber, wie im Fall von Peter Alexander, türkische Lieder bis zur Unkenntlichkeit veränderten. »Die Deutschen empfanden diese Musik wohl als Gejammer«, vermutet der Türküola-Kenner Cevdet Yildrim. Allerdings versuchte Asöcal mit der Gründung der Tochterfirma Teledisc auch im Deutschen Schlager Fuß zu fassen mit Künstlern wie Jessy, Adam & Eve und Chris Christiansen, der schon ein Jahr vor Peter Alexander eine Version von »Oh Lady Mary« auf Teledisc veröffentlicht hatte. 

 

 

 

Köln als Transitland für Exilanten 

 

Die Türkei wurde 1971 und 1980 von Militärputschen erschüttert, die maßgeblich dafür sorgten, dass politische Aktivisten das Land verlassen mussten. Die Repression betraf auch Musiker, besonders jene, die in der Tradition der Aşık standen. Das waren Barden und Volkssänger, die Bezug nahmen auf gesellschaftliche und politische Themen. Viele türkische, alevitische und kurdische Musiker verließen deshalb die Türkei, um für einige Jahre im Kölner Transit zu leben, darunter auch die Künstler Cem Karaca und Nedim Hazar. Cem Karaca wurde 1979 ausgebürgert und von der türkischen Polizei zur Fahndung ausgeschrieben. Er kam nach Köln und vernetzte sich schnell mit anderen Exilanten, aber auch mit der linken Szene der Stadt. Anfangs arbeitete Karaca auch mit Türküola zusammen. Seine wichtigste Platte im Exil — »Die Kanaken« — entstand jedoch in Zusammenarbeit mit dem linken Dortmunder Label Pläne. Lange bevor Rapper in den späten 90ern und 2000ern sich mit dem Begriff »Kanake«, dem Lieblingsschmähwort der Deutschen, beschäftigten, unternahm Karaca den Versuch, diese rassistische Zuschreibung zu untergraben.

 

Auch der Musiker und Schauspieler Nedim Hazar findet in der Domstadt schnell Anschluss. Er trifft Geo Schaller, beide gründen die Band Yarinistan, veröffentlichen zwei Alben und gewinnen den Preis der deutschen Schallplattenkritik. Auch mit der kölschen Szene vernetzt sich Yarinistan schnell, Stefan Brings spielte anfangs bei ihnen Bassgitarre. Hazar beschäftigt sich in seinen Texten auch mit der Situation der Arbeitsmigranten in Deutschland und wirbt für ein multikulturelles Miteinander. Karaca, Hazar und andere Exilanten bringen wichtige Themen der deutsch-türkischen Gastarbeiter auf die Agenda, obwohl sie andere migrationsbiografische Erfahrungen haben. Als Intellektuelle und Künstler sind sie von den dringendsten Themen der migrantischen Malocher nicht betroffen: Sie arbeiten nicht in Fabriken, haben Zeit, sich die deutsche Sprache anzueignen und bewegen sich in Kreisen, in denen ihnen kaum Rassismus widerfährt. Aber als politische Künstler, als Aşık, greifen sie die Themen auf, die sie in ihrer Umgebung vorfinden. Und das ist im Deutschland der 80er Jahre vor allem der wachsende Rassismus gegenüber den Arbeitsmigranten. »Die Türküola Künstler haben sich damals bewusst an ein türkisches Publikum gewandt«, erklärt Kutlu Yurtseven, Musiker und Mitbegründer der Initiative »Keupstraße ist überall«, »Es waren die politischen Exilanten, die zum ersten Mal die deutsche Bevölkerung angesprochen und ganz bewusst auf Deutsch getextet haben.« Damit wird die Gruppe der Exilanten zu einer wichtigen Brücke zwischen den Gastarbeitern und einem breiten Bündnis aus Kirchen, Gewerkschaften und alternativen Bewegungen, die in den 80er Jahren Widerstand gegen die »geistig-moralische Wende« unter Bundeskanzler Helmut Kohl leisten. 

 

 

 

Vom Multikulti-Traum zum HipHop-Klartext

 

Die Künstler von Türküola richteten sich mit ihren Songs an die erste Generation von Arbeitsmigranten. Als die politischen Exilanten aus der Türkei eintrafen, machten sie die Probleme der Gastarbeiterfamilien in Deutschland für ein hiesiges Publikum sichtbar und verbanden ihre antirassistische Kritik mit einer multikulturellen Vision. Diese Vision war auch für die Kinder der Gastarbeiter attraktiv, die in der damaligen Bundesrepublik pauschal als »Ausländer« bezeichnet wurden und für die die Mehrheitsgesellschaft keinen Ort vorgesehen hatte. Es war die zweite Generation, die mit großer Vehemenz einen gleichberechtigten Platz in der deutschen Gesellschaft einforderte. Sie knüpften selbstbewusst an die Frage an, die der Kölner Liedermacher Ozan Ata Canani in seinem Song »Deutsche Freunde« 1979 formuliert hatte: »Und die Kinder dieser Menschen sind geteilt in zwei Welten, ich bin Ata und frage euch, wo wir jetzt hingehören?« Ozan Ata Canani traf einen Nerv mit dieser Frage und wurde mit seiner Band
in die Aktuelle Stunde und Alfred Bioleks Talkshow -eingeladen. Die »Kinder dieser Menschen« schlugen einen -anderen Ton an. Sie redeten Klartext und fanden in der HipHop-Kultur eine Ausdrucksform, in der sie die -Themen Teilhabe, Staatsbürgerschaft und Rassismus
neu verhandelten.

 

Als zu Beginn der 90er Jahre der multikulturelle Traum in den Flammen von Rostock, Mölln und Solingen verkohlte, übernahmen die jungen Rapper den Staffelstab der politischen Exilanten. Sie schrien ihre Wut hinaus, wollten keine Objekte eines paternalistischen Diskurses über kulturelle Zerrissenheit sein. »Mölln und Solingen, das waren Ereignisse, die meine Eltern lähmten und schockierten«, erinnert sich der Kölner Rapper Kutlu Yurtseven, »für uns hingegen war es das Signal: Jetzt erst recht! Jetzt sind wir dran!« Aber auch für Türküola-Künstler wie die experimentelle Disco-Folkgruppe Derdiyoklar war der zunehmende Rassismus der 80er und 90er Jahre eine -Zeitenwende und spiegelte sich in Songs wie »Hop Hop Dazlaklar« (»Halt! Ihr Skinheads«) und »Liebe Gabi« wider. In diesen Liedern geht es nicht nur um neonazistische Skinheads, sondern auch um die rassistische Politik der schwarz-gelben Bundesregierung: »Helmut Kohl und auch Strauß wollen Ausländer raus. Sind wir keine Menschen, liebe Gabi?« Humanismus, Antirassismus und der Kampf um Würde verbinden Derdiyoklar mit Rappern wie Kutlu Yurtseven. Die Empörung über die brennenden Häuser und die Ermordeten brachte auch ein Interesse an der Geschichte der eigenen Eltern mit. So schrieb Yurtseven 2002 für seinen Vater den Song »Denkmal«, in dem er dessen Migrationsbiografie erzählt, aber auch die Arbeitskämpfe der ersten Generation sichtbar macht wie etwa den großen Kölner Ford-Streik 1973. 

 

Seit dreißig Jahren mischen Kutlu und Signore Rossi als Microphone Mafia in der Kölner Musikszene mit. Sie haben in kleinen Kellern und auf großen Festivals gespielt, bei der Arsch-Huh-Initiative mitgemacht, sind mit den Höhnern in der Philharmonie aufgetreten und mit der Holocaustüberlebenden Esther Bejarano und ihrem Sohn Joram auf den Bühnen der Republik unterwegs. Rückblickend sagt Kutlu: »Uns Gastarbeiterkindern wurde ja ständig erzählt, dass wir zwischen zwei Stühlen sitzen und dass das ein Problem sei. Aber wir haben das irgendwann als Errungenschaft gesehen: Wenn wir nirgends richtig hingehören, dann müssen wir uns auch nicht entscheiden. Wir sind im Transit unterwegs, können mit Rollen und Identitäten spielen und uns weiterentwickeln.«

 

Auch Nedim Hazars Sohn widmet der Migrationsgeschichte seiner Eltern ein Stück. Es ist der Kölner Rapper und Schauspieler Eko Fresh, dessen Song »Der Gastarbeiter« von der Familie seiner Mutter erzählt, die im Alter von 15 Jahren nach Deutschland kam. Das Video zählt knapp vier Millionen Klicks auf Youtube, wer sich einige der über 5000 Kommentare durchliest, bemerkt sofort, welchen Nerv Eko Fresh getroffen hat. Geschickt meistert er den Spagat zwischen einer sozialen Verortung in einem migrantischen Milieu und dem Status eines erfolgreichen deutschen Musikers, der sich ironisch mit den Zuständen im Lande auseinandersetzt. Einerseits greift er die Themen der Deutschtürken auf und reflektiert sie klug, wie in seinem aktuellen Song »Aber...«, andererseits ist er ein Künstler, der aufgrund seines Talents und seiner Leistung von der Gesellschaft Anerkennung bekommt. Hinzu kommt, dass sich in Eko Freshs Biografie die beiden wichtigsten Strömungen türkischer Migration kreuzen: Sein Vater gehört zu den politischen Exilanten; die Familie seiner Mutter kam im Zuge der Anwerbeabkommen mit der Türkei nach Deutschland. 

 

 

Die Kölner Aşs¸ık-Tradition

 

Gibt es eine künstlerische Kontinuität zwischen den Liedermachern der Gastarbeiter, den politischen Exilanten der 80er Jahre und der zweiten und dritten Generation von Migranten in Deutschland? Lässt sich ein Bogen spannen von Metin Türköz über Ozan Ata Canani, Cem Karaca und Hazar bis hin zu Kutlu Yurtseven und Eko Fresh? Sicher, die HipHop-Musiker samplen die Musik der älteren Musiker. Entscheidender ist aber eine andere Traditionslinie: Eko Fresh und Kutlu Yurtseven knüpfen mit ihren Texten an der Tradition der Aşık an. Der Musikwissenschaftler Martin Greve weist darauf hin, dass die Aşık-Interpreten bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts in Ost- und Zentralanatolien oft die einzige Quelle für Nachrichten und Geschichten waren und auch danach für ihre sozialkritischen und politischen Liedtexte bekannt sind. Die Aşık waren Aufklärer, Wissensbewahrer und Wissensverbreiter. Im Zeitalter von Youtube, Twitter und Facebook greift eine neue Aşık-Generation Themen auf, die in der Mehrheitsgesellschaft zu verschwinden drohen. Eko Fresh erzählt Geschichten, die in den Curricula deutscher Schulen noch keinen Platz gefunden haben und Kutlu Yurtseven erinnert an Kämpfe, Widerstand und migrantisches Wissen, über das die offizielle Geschichtsschreibung hinwegschreitet.

 

 

 

Und heute?

 

Unser historischer Längsschnitt der migrantischen Musik in Köln ist nur ein Puzzleteil einer großen Erzählung. Die griechischen, spanischen, italienischen oder koreanischen Einwanderergruppen haben nicht weniger spannende Geschichten zu erzählen. Und auch die Menschen, die in den 80er Jahren aus Iran, Irak oder Libanon geflohen sind, die Geflüchteten aus Syrien, Nordafrika und Afghanistan, die in den letzten Jahren nach Deutschland kamen — sie alle bringen ihr Wissen mit, ihre Lieder und Erfahrungen und beeinflussen und verändern die Mehrheitsgesellschaft. Einwanderer sind keine homogene Masse, ihre kulturellen Artikulationen, Empowermentstrategien und ihre Kämpfe unterscheiden sich. Schließlich macht es einen Unterschied, ob man als Student, Arbeitsmigrant, Exilant oder als Geflüchteter einwandert. Die unterschiedlichen sozialen Hintergründe beeinflussen den Blick auf das Einwanderungsland und die eigene Position in der Gesellschaft. 

 

Doch was machen wir mit diesen Erzählungen, Kämpfen und Transformationen? Wie wollen wir, die wir schon länger hier leben, uns gemeinsam mit denen, die zu uns gekommen sind, daran erinnern? Bestimmt der Blick in die Vergangenheit nicht das Handeln in der Gegenwart und verändert so die Optionen für die Zukunft? Die Erzählungen migrantischer Selbstermächtigung haben die Kraft, die starren Positionen von nationalen Zuschreibungen in Frage zu stellen und fordern gesellschaftliche Veränderung heraus. Solche Dynamiken machen Gesellschaften komplexer, diverser — und fortschrittlicher. Einen Weg des Erinnerns und Bewahrens sucht das Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland e.V (DOMID) in Köln, das sich schon seit Jahrzehnten für die Gründung eines öffentlichen Migrationsmuseums -einsetzt.

 

Wir können uns aber auch fragen, warum es noch keine Metin-Türköz-Schule gibt, keinen Özkasap-Platz und keine Asöcalstraße. Wir können uns fragen, wieso Künstler und Aktivisten wie Nedim Hazar oder Kutlu Yurtseven bisher von öffentlicher Seite kaum Würdigung erfahren haben. Oder warum die Texte von Eko Fresh noch nicht in den Schulbüchern stehen. Die Kölner haben in der Vergangenheit bewiesen, dass sie verschüttete Geschichten retten und das kollektive Gedächtnis bereichern können. Die Edelweißpiraten Bartholomäus Schink, Mucki Koch oder Jean Jülich sind heute vielen ein Begriff. In zwei Jahren jährt sich das Arbeitskräfte-Anwerbeabkommen mit der Türkei zum 60. Mal. Es wäre ein guter Anlass, die Geschichte und das kulturelle Erbe der Einwanderer und ihrer Kinder sichtbar zu machen. 

 

  

 

 


Von: Murat Güngör und Hannes Loh
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