StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 3.2019

Kategorie: Musik
Stichwort: Boy Harsher

Der Schmerz tanzt immer mit

Die Welt von Boy Harsher: Freaks zwischen Großstadt-Paranoia und Landflucht


Jemand, der freitags oder am Samstagabend mit einer größeren Gruppe unterwegs ist, mit unterschiedlichen Charakteren und Interessen — sagen wir einfach Betriebsausflug — , der wird ein Lied davon singen können, wie schwierig es ist, eine Gelegenheit zum Tanzen zu finden, die alle Beteiligten befriedigt. Beim Tanzen scheiden sich die Geister, die Fronten verhärten sich.

 

Obgleich sich Besserung anmeldet: HipHopper und House-Freunde grooven mittlerweile zusammen; Gitarrenmusik-Fanatiker und Elektroniker zelebrieren jedoch noch ihre Berührungsängste. Was in Clubs wie der Manchester Haçienda in den 80ern noch Hand in Hand ging, braucht heutzutage wieder Starthilfe. Boy Harsher aus Massachusetts könnten das missing link darstellen, auf das so mancher (seit dem unsäglich Nu Rave-Trend der 00er Jahre) gewartet hat.

 

»Schmerz und Trauma scheinen heutzutage verbindende soziale Elemente und Erfahrungen darzustellen«, versucht Augustus (»Gus«) Muller im Interview diese Entwicklung zu beschreiben und gleichsam den Grund für den Hype um das Projekt Boy Harsher, von dem er eine Hälfte verkörpert, zu beleuchten. Die andere Hälfte ist Jae Matthews, die in die gleiche Kerbe schlägt: »Unser größter Hit bis jetzt ist Pain, eine Hymne auf die Selbst-Zerstörung.« Unbedingt muss die Single von 2015 als kleiner Hit bezeichnet werden, der auch immer noch in Clubs gespielt wird — gerade in jenen, die auch die sinistren Töne anschlagen. Mit einer Verzögerung von etwa einem Jahr schlug der in Eigenregie veröffentlichte Darkwave-Track ein. Boy Harsher wurde letztes Jahr immer häufiger gedroppt, wenn es in einer Diskussion um das next big thing ging.

 

Es war ein langer Weg hierhin: Gus und Jae lernten sich in Georgia während des Filmstudiums kennen, wo Jae den Soundtrack zu einem Film von Gus beisteuerte. Dieser Film gab dem Schon-Bald-Paar auch den ersten Bandnamen: Teen Dreamz. Nach Jahren des gemeinsamen Musizierens, Kunstschaffens, Redens, Vögelns, Zusammenlebens und (O-Ton!) langsamen Zerstörens, stiegen sie aus der Sphäre des privaten Paars immer mehr auf eine ausschließlich künstlerische Zusammenarbeit um. Vorher benannten sie ihr Projekt um, weinten und sprachen kein Wort mehr miteinander. Schließlich fingen sie sich — und der Erfolg gibt ihnen nun recht.

 

Die Schicksalsschläge blieben dennoch nicht aus: Jaes Mutter erkrankte 2017 an Demenz. Ihr und den schmerzvollen letzten zwei Jahren ist das neue Album gewidmet. »Der Albumtitel Careful war schon vorher unser Mantra des jeweiligen Umgehens mit dem AndereN geworden.« Gerade in dieser schwierigen Zeit ist es für sie immer wichtiger geworden, aufeinander acht zu geben.

 

Neben dem Schmerz ist aber auch die Lust am Schaffen ein starker Antrieb der beiden. Dies macht den besonderen Reiz der Musik Boy Harshers aus. Auf ihrem Album »Careful« warten abermals veritable Tanzflächenfüller. Die Vorabsingle »Fate« hat ihren Weg in die DJ-Sets bereits gefunden, auch wenn dies gar nicht unbedingt das Ziel ist: »Ich gehe die Musik eher von einem Listening-Standpunkt an. Ich stelle mir vor, wie unsere Stücke im Auto gespielt werden, über Kopfhörer oder zu Hause gehört werden«, sagt Augustus, lässt aber nicht aus, dass das auf der Bühne ganz anders aussehe, »dort versuchen wir eine viszerale Erfahrung zu erzeugen.« Die beiden David-Lynch--Fans wollen affektiv-immersive Orte erzeugen: »Für uns liegt dem gemeinsamen Erzeugen von Musik auch ein fil-mischer Ansatz zu Grunde.«

 

Diese audio-visuelle Ebene offenbart sich in ihren aufwändigen Videos. Plötzlich tauchen Figuren auf, die auf Wolfgang Tillmans Fotos abgebildet sein könnten: Underground-Figuren, Freaks, -sub- und konterkulturelle, lustvolle Menschen, die zwischen den Versuchungen und Verheißungen
der Nacht changieren, die Groß-stadt-Paranoia und Landflucht -gleichermaßen leben, obgleich
sie meist nur Verachtung übrig haben — die hedonistischen Geister des Spät-Kapitalismus spielen die Hauptrolle, während die Konformisten in die Rolle der Statisten verbannt werden.

 

Das klingt alles depressiv, vielleicht zynisch, das ist es auch, aber erzeugt gleichsam eine verführerische Melange an Sounds, die man so ähnlich von den Tracks des kanadischen Labels Italians Do It Better und den Bands Glass Candy, Desire oder Chromatics kennt. Auf »Careful« herrschen kraftvolle Synthesizer-Arrangements und die verhuschten, nebligen, dabei eindrücklichen Vocals von Jae.

 

So kommt es, dass selbst Menschen, die wenig mit Darkwave und Synthpop am Hut haben, die sich selten um selbstzerstörerische-hedonistische Lebensentwürfe scheren, Boy Harsher mindestens tanzbar finden. Für die anderen dürfte derweil »Careful« das Album des Jahres werden.

 

 

 

 


Von: Lars Fleischmann
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