StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 3.2019

Kategorie: Kunst
Stichwort: Chinesische Videokunst

Zwischen den Welten

Chinesische Videokunst in der Julia Stoschek Collection Düsseldorf


Eine Straße irgendwo in Amerika: Werbeschilder und Ladenfassaden reihen sich aneinander, genau eingepasst in den rechteckigen Bildausschnitt der Projektion, die im ersten Raum der aktuellen Ausstellung in der Julia Stoschek Collection wartet. Auf der Straße geht ein schwarzer Mann, fast lebensgroß und so nah, an uns vorbei. Er verfällt in improvisierten Tanz, ist hin- und hergerissen zwischen der mainstream-amerikanischen und der afroamerikanischen Kultur. »Hit Me!« (2013) ist eines von drei Werken in »New Metallurgists« des Künstlers Fang Di, der präzise und spannend zeitgenössische Kultur um- und einordnet.

 

»Metallurgie«, die Gewinnung und Verarbeitung von Metall, war für die französischen Theoretiker Gilles Deleuze und Félix Guattari ein paradigmatisches Beispiel einer nomadischen Kunst, die von Handwerker*innen erstellt wird: flüssig, metallisch, fest – eine neue Art von Intensität und Plastizität. Der Kunstwissenschaftler und Kurator Yang Beichen und die Künstlerin Cao Fei ernennen die von ihnen für die Ausstellung gewählten acht chinesischen Künstler*innen, die zwischen 1980 und 1990 geboren sind, zu den »neuen Metallurgen«, die zeitgenössische Themen hybridisieren und verschmelzen.

 

Bewegtbild wird hier festgehalten und präsentiert — in einem kleinen kastigen Fernseher, auf Bildschirme gebannt, auf schwerelos im Raum hängende Flächen oder feststehende Wände projiziert, mit Glastüren getrennt und hin und wieder mit Kopfhörern versehen. Dazwischen ein Perserteppich. Die Julia Stoschek Collection präsentiert sich wie ein andersartiges Wohnzimmer — konzentriert nur auf Videokunst, die sich in ihrer Schärfe, Bewegung und Zeitlichkeit in Grenzbereichen bewegt.

 

Wang Tuo hat dies perfektioniert: In »Smoke and Fire« (2018) erzählt er, basierend auf einer Nachrichtensendung, die Geschichte eines Racheakts in der schamanischen Kultur im Nordosten Chinas, die mit der weltlichen Kultur korreliert. Wiederholungen verweben sich zu ei-nem Ritual, das immer wie-der durch schwarz-weiße Fotos unterbrochen wird. Das Abergläubische und das Faktische verschwimmen, hoch emotional, ohne jedoch die Schwelle zum Pathos zu überschreiten. 

 

Mit jedem Video der »New Metallurgists« erhält man einen tiefen und bereichernden Eindruck der multidimensionalen Perspektiven, mit der die jungen chinesischen Künstler*innen globale Zusammenhänge verbildlichen. 

 

 

Julia Stoschek Collection, Schanzenstr. 54, 40549 Düsseldorf, bis 28.4., So 11–18 Uhr, öffentliche Führungen am 3., 17. und 31.3., jeweils 11 und 13 Uhr.

 

 


Von: Dora Cohnen
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