StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 3.2019

Kategorie: Heim & Welt
Stichwort: Heim & Welt

Kapitalismus, zu geizig für Katzendarm

Materialien zur Meinungsbildung /// Folge 206


Überschriften sollen Neugierde wecken. Das war immer so. Es ist ein offenes Geheimnis. Der Boulevard-Journalismus überschreibt nun aber seine Artikel zusehends mit verunsichernden Fragen (»Trägt der Bundestrainer Toupet?«) oder er verspricht Abgründiges im Banalen (»Bundestrainer mit neuer Frisur — ein Detail schockiert«). Das mag etwas niveaulos sein, aber Headlines wie »Schwa-Elision und die Wortprosodie des Luxemburgischen« verfehlen sowohl ihr Ziel wie auch die Leserschaft. Zumal, wenn im Artikel zu lesen steht, dass sich der Bundestrainer, verwirrt von einer verhängnisvollen Affäre mit einer Lingustik-Studentin aus Benelux, exzessiv sprachwissenschaftlichen Detailfragen widmet und darüber die Vorbereitung auf das wichtige Qualifikationsspiel gegen den vermeintlichen Fußballzwerg Luxemburg vernachlässigt. Man kann also mit Sprache anlocken wie auch abstoßen, desgleichen mit Musik. Ein Supermarktleiter, der die Verkaufsflächen mit Live-Mitschnitten der Donaueschinger Musiktage beschallt, gälte als
Feingeist, verlöre alsbald abereinen beträchtlichen Teil seiner Kundschaft. 

 

Aber Musik wird mitunter auch bewusst zur Vergrämung eingesetzt. Das erfuhr ich, als ich den Vorraum der Filiale eines Bankinstituts nach Geschäftsschluss betrat und Musik erklang. Warum? Die Chefs der Banken mögen es, wenn ich mein Konto überziehe, aber nicht, wenn es sich Atze und Pit, die sonst immer mit ihren Hunden vor Trinkhalle Hirmsel herumsitzen, im Vorraum einer ihrer Filialen gemütlich machen. Daher erklingt Vergrämungsmusik. Doch die Bankenchefs vermuten, dass Atze und Pit hartgesotten sind und man sie leichter mit freundlich beschwingten Tönen vertreibt als mit Gröl- und Rummsmusik. Tatsächlich mögen Atze und Pit ja Gröl- und Rummsmusik sehr gern. Das kommt den Herren Kapitalisten sehr zupass. Denn so kaschieren sie ihre mangelhafte Gastfreundschaft mit einem kultivierten Anstrich: Die Atze- und Pit-Vergrämung erfolgt mittels des Hauptthemas aus dem ersten Satz von Vivaldis Violinkonzert op. 8, gemeinhin bekannt als erster Teil der »Vier Jahreszeiten«. Wesentlich ist nun, dass dieses Allegro-Gefiedel in Endlosschleife erklingt. Das ist nicht nur gemein, sondern auch gemeinfrei; das musizierende Ensemble gehört nicht gerade zu den Top-Acts, und den musikalischen Schnipsel endlos abzuspielen, kostet das Geldinstitut keinen Cent. Sie gönnen also Atze und Pit nicht mal eine kanonische, in der Fachwelt anerkannte Einspielung auf historischen Instrumenten mit Saiten aus Katzendarm, vegan hin oder her.

 

So oder so wird dieses Gefiedel als monoton und bald auch als enervierend wahrgenommen, bis man für den Glanz des venezianischen Barocks auf immer verloren ist und stattdessen unbändige Lust verspürt, die Bankfiliale kaputtzuschlagen und alle anderen Bankfilialen auch. Doch wie überrascht war ich, als Atze und Pit meinten, alles kein Problem, keep cool. Die Bankenbosse seien blöd. Man müsse einfach nur den eigenen Ghettoblaster genauso laut stellen. Durch das barocke Streicher-Loop gewinne die erste Exploited-LP »in ihrer Faktur enorm an tonaler Farbigkeit und polyharmonischer Komplexität«. Und so sitzen Pit und Atze weiterhin mit ihren Hunden im Vorraum der Bank und lachen Typen wie mich und den ganzen Kapitalismus aus. 

 

Sobald solcherart das System mit schlechtem Vivaldi, schlechtem Punk und Atzes und Pits dröhnendem Lachen zu Grunde gerichtet ist, müssen wir uns aber schnell um die hörgeschädigten Hunde kümmern! »Kapitalismus am Ende — doch ein Detail rührt zu Tränen« lautet einen Tag nach der Revolution die Überschrift.

 

 


Von: Klaus C. Niebuhr
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