StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 4.2019

Kategorie: Kommunal
Stichwort: Stadtrevue meint

Im toten Winkel

Der Kölner Straßenverkehr ist gefährlich, vor allem für Radfahrer. Die Stadt bekämpft aber nicht die Ursachen


»Auf Kölns Straßen wird weiter gestorben.« Als die Kölner Polizei einen Tag vor Weiberfastnacht die Unfallbilanz des Vorjahres vorstellt, findet Polizeipräsident Uwe Jacob drastische Worte. Er sehe eine »dramatische Entwicklung«: 28 Menschen sind 2018 auf Kölner Straßen ums Leben gekommen, 715 wurden schwer verletzt. Nie in den vergangenen zehn Jahren waren es mehr. Und der Trend setzt sich fort: Im Januar und Februar dieses Jahres gab es bereits sieben Unfälle mit Todesfolge.

 

Vor allem für Radfahrer ist die Situation prekär: Sie verunglücken vermehrt, verletzten sich öfter schwer und sterben häufiger. Die Kölner Polizei hat den Radverkehr deshalb zu einem Schwerpunkt ihrer Arbeit in diesem Jahr erklärt. Sie will Radfahrer mit präventiven und repressiven Maßnahmen schützen. Im Fokus stehen sollen Verstöße von Autofahrern, die regelmäßig Unfälle mit Radfahrern zur Folge haben: zu geringer Abstand beim Überholen, das Parken in Ladezonen oder Fehler beim Abbiegen. Auch Radfahrer stehen unter Beobachtung. Die Polizei will etwa das Fahren auf der falschen Straßenseite stärker ahnden. Eines aber haben alle angekündigten Maßnahmen gemeinsam: Sie können zwar die Folgen mindern, aber sie setzen nicht bei den Ursachen für Verletzte und Tote im Kölner Straßenverkehr an. 

 

Wo der Aufgabenbereich der Kölner Polizei endet, fängt die Verkehrs-sicherheit eigentlich erst an. Polizeipräsident Uwe Jacob konstatierte bei seiner Jahresbilanz beinahe hilflos, Köln sei »für den heutigen Verkehr nicht ausgelegt«. Der logische Appell an die Stadt aber blieb aus. Zum einen müssen Straßen, Rad- und Fußwege die Sicherheit aller Verkehrsteilnehmer gewährleisten. Verkehrsinfrastruktur muss Fehler verzeihen. Eine Knautschzone für die schwächsten Verkehrsteilnehmer — für Fußgänger und Radfahrer. Zum anderen muss Infrastruktur bestimmte Verkehrsmittel priorisieren oder zurückdrängen, wenn der Platz nicht für alle ausreicht. Beides -passiert in Köln nicht. Stattdessen überlässt es die Stadt der Polizei, alle zu einer besseren Verkehrsmoral und die Radfahrer zum Tragen eines Helms aufzufordern.

 

Es werden weiter Radfahrer bei Abbiegeunfällen ums Leben kommen, solange Autos beim Rechtsabbiegen einen Radweg kreuzen. Es werden weiter Radfahrer in plötzlich aufgerissene Autotüren fahren, solange Radwege direkt neben Parkplätzen verlaufen. Es wird weiter gestorben, solange die Kölner Straßen bleiben, wie sie sind.

 

 


Von: Jan Lüke
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