StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 4.2019

Kategorie: Film
Stichwort: out of the past

Arme Bauern und verrückte Wissenschaft

Filmgeschichte auf Kölner Leinwänden


Da es mit der echten Kinokultur in Köln nicht unbedingt besser wird, werden andere Projektionsräume zu einer Alternative. Das Studio Argento in der Traumathek gibt es seit zwei Jahren. Hier wird Schönes, Gutes, Wahres in der Regel digital gebeamt. Ironie der Geschichte: Weil mit dem Heimmedienverleih nur noch in Japan Geld zu machen ist, muss sich die feinste Filmausleihe der Stadt nach neuen Umsatzfeldern umschauen.

 

Das Aprilprogramm erweist sich als top abwechslungsreich, cinedietär fast perfekt. Ende März gibt es in der Reihe mit Filmen aus der Kölner Sammlung Schönecker — auf 16mm! — ein Programm mit Meisterwerken des zeitweisen Mülheimers Peter Nestler bestehend im Wesentlichen aus kurzen Dokumentarfilmen seiner Frühphase wie etwa »Am Siel« (1962), »Aufsätze« (1964), ein Film über bergbäuerliches Elend in armen Kinderworten, und »Ein Arbeiterklub in Sheffield« (1965), ein Monument des Klassenbewusstseins.

 

Gleich am nächsten Tag geht es gestalterisch komplett anders weiter mit Hélène Cattet und Bruno Forzani strukturalistisch-surrealistischem Giallo »The Strange Colours Of Your Body’s Tears« (2013), ein Meisterwerk, das sich vor allem all jene, die auf Luca Guadagninos Argento-Vergewaltigung »Suspiria« (2018) stehen, zu Gemüte führen mögen, um zu sehen, wie man das Genre kongenial, forciert, modern weiterdenken kann. Weiter im Programm geht es mit Rolf Olsens Reißer der Extraklasse »Blutiger Freitag« (1972), den Dominik Graf ganz zu Recht als Zentralwerk des BRD-Kinos der 70er Jahre identifiziert hat. Ein Hoffnungsschimmer auch für das Hier und Jetzt, dass es mit dem Kino irgendwie doch noch weitergeht, ist schließlich »Luz« (2018) vom KHM-Überlebenden Tilman Singer. Und damit wären wir erst bei der Monatsmitte.

 

Schnell noch im Nachsatz sei auf eine besonders erbauliche Reihe im Filmclub 813 hingewiesen mit dem Titel »And You Call Yourself a Scientist?« (das Zitat stammt aus »I Was a Teenage Werewolf« von 1957), ein Streifzug durch die herrliche Welt des sich um wahnsinnige Wissenschaftler drehenden Horrorfilms. Es werden Perlen gezeigt wie Schundgott Dwain Espers grindiger »Maniac« (1934), Genre-Avantgardist Edward L. Cahns sublimer »Creature with the Atom Brain« (1955), Irrlicht Viktor Trivas Meisterwerk des Verworfenen »Die Nackte und der Satan« (1959), sowie der abstruse »Horror Hospital« (1973) von Antony Balch, der auch Experimentalfilme mit William S. Burroughs gemacht hat. Alles gut für die Seele.

 

Infos: traumathek.de, filmclub-813.de

 

 


Von: Olaf Möller
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