StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 4.2019

Kategorie: Kunst
Stichwort: »Next Generations«

Silbergelatine im Plasmascreen

Das Museum Morsbroich zeigt die »Next Generations« rheinischer Fototradition


Mit Überblicksausstellungen, die einer Generation oder Region gewidmet sind, ist es so eine Sache. Vollständigkeit ist unmöglich, eine thematische oder formelle Einheit eigentlich immer willkürlich gesetzt. Was tun?

 

Weder das eine noch das andere war der Beweggrund der Kuratorinnen Stefanie Kreuzer und Heide Häusler, am Museum Morsbroich die »Next Generations« — bewusst im Plural — auszustellen. Vielmehr knüpfen sie an die Geschichte des Hauses an, das bis 1986 neben den Kunstmuseen Krefeld das einzige Museum für Gegenwartskunst in NRW war und weit über die Landes-grenze hinaus strahlte. 

 

Aktuelle Kunstproduktion zeigen und fördern lautet die Devise. Den Rahmen liefert nun die Fotografie, oder vielmehr das, was im Jahr 2019 dazu zählt. Längst sind das nicht mehr nur digitale C-Prints oder fast schon anachronistisch anmutende Silbergelatine-Abzüge, sondern auch filmische Arbeiten auf Plasmascreens, raumfüllende Installationen und ja, auch Malerei. Es geht nicht darum, eine neue Bewegung nach der Becher-Schule auszurufen, sondern das fotografische Sehen und den Umgang mit der Kamera als künstlerische Herangehensweise auszustellen — was bei 18 beteiligten Künstler*innen wahrlich vielseitig ausfällt. 

 

Neben der Neuinterpretation klassischer Sujets wie Porträt, Landschaftsbild oder Atelier sind theoretische Aspekte, wie die Zirkulation, Kontextualisierung und Produktion von Bildern, genauso Thema. Jeder Ansatz findet genug Raum in den barocken Schlossgemächern, die Künstler*innen kommen sich nicht in die Quere, und auch auf konstruierte formale oder thematische Bezüge hat man dankbarerweise verzichtet. Die ergeben sich während des Rundgangs schon von selbst. 

 

Einen Moment von Ehrfurcht und Zeitlosigkeit schafft Shigeru Takato mit seinen schwarzweißen, in analoger Großbildtechnik aufgenommenen Bildern von prähistorischen Höhlen, die ohne jedes menschliche Zutun seit hunderttausenden von Jahren existieren. Das Gegenteil passiert in den Arbeiten von Moritz Wegwerth, die einen ganz bestimmten und folgenschweren Moment der jüngeren Menschheitsgeschichte festhalten — die Wahlnacht, in der Donald Trump Präsident der USA wurde, am Times Square in New York. Dokumentation, Manipulation oder eine Überlagerung von beidem? Die Fotografie muss sich schon lange nicht mehr für eins davon entscheiden. Die jungen Künstler*innen, die sich ihrer bedienen, schon gar nicht. 

 

 

 

Museum Morsbroich, Gustav-Heinemann-Str. 80, 51377 Leverkusen, Di–So 11–17 Uhr, bis 5.5., Künstler*innengespräch am 28.4., 14 Uhr: »Archäologie der Fotografie — Kameralose Fotografie, fotografische Materialien, Träger und Displays«

 

 


Von: Leonie Pfennig
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