StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 4.2019

Kategorie: Heim & Welt
Stichwort: Brexit

Schwacher Trost: Brexit ohne Harndrang

Materialien zur Meinungsbildung /// Folge 207


Dinge, die uns selbstverständlich scheinen, werden zum Abgrund, sobald man sie genauer beschaut. Das gilt auch für das, was wir tun. Es ist wie Kleists »Marionettentheater«: Etwas, das uns tausende Male gedankenlos gelang, wird, soll es bei vollem Bewusstsein erneut gelingen, scheitern. Mir erzählte Tobse Bongartz einmal, dass zu gehen eigentlich bedeute, ständig nach vorn zu fallen. Da stürzte ich. Und das lag nicht nur daran, dass wir total besoffen waren.

 

So ist es mit vielen Tätigkeiten: Wie geht eigentlich Wohnen? Wie atmet man? Und — am geheimnisvollsten — wie geht Feiern? Oft heißt es ja: Das muss gefeiert werden. Aber wie schwierig ist das! Ratschläge werden schroff erteilt. »Mach dich einfach mal locker«, sagt Gesine Stabroth. »Und bitte steck das Hemd nicht in die Hose, das sieht voll opamäßig aus.«

 

Dass aber eine Feier ungezwungen sei, ist eine vergleichsweise neue Idee. Meist ist die Lockerheit ja geradezu steif. Vom antiken Mysterienkult bis zur Motto-Party von Gesine Stabroths »bester Freundin Tine« hat sich nicht so viel geändert, wie man anzunehmen geneigt ist. Die vermeintliche Ausgelassenheit bis hin zum Exzess ist immer schon ein bürokratisch reglementiertes Ereignis. Die Mysten kennen die Codes, die anderen stehen doof und überflüssig herum.

 

Denn selbstverständlich bestehen heutzutage die Reglements, was sich ziemt und was nicht, weiterhin; bis hinein in Gestik, Sprache, Humor: Ganz gleich, ob man mit Pit und Atze, die immer mit ihren Hunden vor Trinkhalle Hirmsel herumsitzen, Bier trinkt oder ob man beim Get-together der Handwerkskammer plaudern soll. Die scheinbare Auflösung starrer Verhaltensregeln macht es nur umso schwieriger, sich in festlichen Rahmen zu bewegen. Es gibt kein Benimmbuch, das uns lehrte, wann man unbedingt ungekämmt zu erscheinen hätte, um nicht
aufzufallen. 

 

Der Astronom Tycho Brahe soll gestorben sein, weil er bei einer Feier am Hofe Rudolfs II. nicht von der Tafel aufstehen durfte, um Pipi zu machen. Vierhundert Jahre später ist es beim Münchner Oktoberfest ebenfalls verpönt, seine Sextanerblase zu leeren. Zugleich stellt es keinen größeren Fauxpas dar, sein Wasser unter dem Biertisch abzuschlagen, wie mehrere Medien übereinstimmend berichten. »Feiern heißt letztlich Saufen«, sagen Atze und Pit. Im Übrigen gehöre »sehr laute Musik« dazu. Was Art der Getränke und Musik betrifft, wird es diffizil. Pit und Atze werden sich nie einig, und dann wird wieder ironisch Exploited gehört und Korn geext.

 

Ich brauche Regeln, ich würde mich quasi gern ins gemachte Fest setzen. Ein spezifisches Partyprogramm wird oft kritisiert, alles soll locker sein. Wenn Astrid und Carsten Hochzeit feiern, stellt das höchste Anforderungen an die Selbstbeherrschung. Aber wie viel nervenzehrender wäre es, wenn die Zeit nicht mit selbstverfassten Gedichten vertrödelt würde (»Liebe Leute, ist’s denn wahr?/ Die Astrid und der Carsten sind nun Hochzeitspaar«) und wenn es nicht Spielchen gäbe (»Wie gut kennt ihr euch? Hat Carsten Schweißfüße?«). Jeder Kindergeburtstag würde ohne die Abfolge von Geschenkeausgabe, Topfschlagen, Beruhigung von überzuckerten Schreihälsen und abschließender Pommesfütterung zur Keimzelle eines anarchistischen Aufstands. Deshalb bitte ich, man möge mir sagen, was ich auf einer »Brexit«-Motto-Party, ausgerichtet von Gesine Stabroths »bester Freundin Tine«, zu tragen, zu sagen und zu tun habe! Ich schaffe es sonst nicht. Immerhin darf man zum Pipimachen aufstehen. Man kann sich aber auch ohne Harndrang im Klo einschließen und einfach stumm schreien und hoffen, dass es bald Mitternacht werde, um das verdammte Geschenk abzugeben und dann ganz schnell nach Hause zu wanken.  

 

 


Von: Klaus C. Niebuhr
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