StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 4.2019

Kategorie: Thema
Stichwort: »Acht Brücken« Teil 2

Highlights aus dem aktuellen Programm von »Acht Brücken«


SWR Vokalensemble, Foto: Klaus J. A. Mellenthin

Enno Poppe, Foto: Harald-Hoffmann.com

Rebecca Saunders, Foto: Astrid Ackermann

Roman Pfeiffer

WDR Sinfonieorchester, Foto: Tillmann Franzen

Georges Aperghis, Foto: Kai Bienert

Peter Eötvös, Foto: Csibi Szilvia

Tony Allen, Foto: Bernard Benant

Jeff Mills, Foto: Bernard Benant

Georges Aperghis: Die Hamletmaschine

 

Der griechisch-französische Komponist behauptet von sich, keine Fremdsprache wirklich gut zu be-herrschen. Das mag auch ein Grund dafür sein, weshalb er Spra--chen ihre Melodien abhorcht — er hat einen phänomenologischen Zugang zu Sprechakt und Sprachsystem ausgebildet. Die 1977 ent---standene, auf neun Seiten ein-gedampfte Shakespeare-Adaption »Hamletmaschine« von Hei-ner Müller (1929-1995) zieht seine Inspi-ration u.a. aus der Ungarischen Revolution von 1956, der Geschich-te der RAF, Charles Manson und dem Kafka-Buch von Gilles Deleuze und Felix Guattari. Das Stück wird bei Aperghis in »Die Hamletmaschine-Oratorio« (1999–2000) in ein Netz von Referenzen verwandelt. Die kristalline Sprache Müllers überführt er in eine artikulatorische Musik aus menschlichen (teils deutschen, teils französischen) und instrumentalen Stimmen und verweigert dabei, ganz im Müller’-schen Sinn, eine vereinfachende Sinn-entnahme. Dass ihm aber ein sinnliches Verstehen gelingt — »Hamletmaschine« als eine Bilanz eines schrecklichen Jahrhunderts in Metaphern, so wie es Müller vorschwebte —, macht seine Adaption so treffend.

 

 

 

Freihafen: Aperghis, Machinations Enno Poppe, Rundfunk

 

Der Umgang mit Sprache ist Kern seiner Arbeit, dazu segmentiert, analysiert und verfremdet er sie. Georges Aperghis lauscht der Spra-che ihr phonetische Artikulation ab und transformiert aus die-sem Material Musik. Jenseits jeder Semantik, befreit von ein-fachen Sinn- und Bedeutungszuschreibungen des Gesagten und Gesungenen, geht es dem Komponisten um das musikalische Poten-zial der Sprache selbst. Das 2000 geschriebene Stück »Machinations« für vier Frauen und Elektronik wird mit dem 9-köpfigen gemischten Ensemble de Théâtre Musical der Hochschule Bern auf-geführt. Neun Köpfe zählt auch das Ensemble Mosaik, das Enno Poppes »Rund-funk« zur Aufführung bringt. Das 2015-18 entstandene Stück ist für ebenso viele Synthesizer ge-schrie-ben und darf als Hommage an die Rolle der Musikstudios der Rundfunkanstalten verstanden werden. Die Klangwelten der frühen digitalen Synthesizer wie dem Wohn-zimmer-DX7 bis hin zu den analogen der kühlschrankgroßen aus den 60er Jahren amalgamieren zu einem wogenden elektronischen Meer. Beide Konzerte finden im Rahmen des opulenten und frei zugänglichen Konzertnachmittages »Freihafen« statt.

 

 

 

 

Georg Friedrich Haas, Rebecca Saunders

 

Sage niemand, die Klassikwelt würde nur von Verstockten und hüftsteifen Bildungsbürgern bevölkert. Natürlich ist es ein Österreicher, der uns mit seinem devianten Sexualleben beglückt. Georg Friedrich Haas hat nämlich in den letzten Jahren nicht nur mit seinen dunkeltönenden Spektralkompositionen für Gesprächsstoff gesorgt, sondern auch mit seinem Bekenntnis zu einer SM-Neigung. Haas, der mittlerweile nach New York umgezogen ist, um dort tags-über an der Columbia University zu unterrichten und nachts in die SM-Szene einzutauchen, wurde sogar mit seiner Frau, der BDSM-Pädagogin und ehemaligen Inter-national Ms. Leather Mollena Williams-Haas, in einem Film porträtiert. Nun hat er ein Stück über die Tagundnachtgleiche geschrieben, der Titel wirkt programmatisch. Um Körperlichkeit geht es auch der Londoner Komponistin Rebecca Saunders — ebenfalls durchaus extreme physische Zustände, ihre Stücke tragen Titel wie »Fury« oder »Choler«. Die in Berlin lebende Britin hat gerade den Ernst-von-Siemens-Preis zuerkannt bekommen, hier und heute wird ihr neues Auftragswerk uraufgeführt.

 

 

 

 

Roman Pfeifer: Terrain vague

 

Das Instrumentarium besteht aus E-Gitarre, Percussion, selbstspielenden Instrumenten, Synthesizer und Tanz, der Untertitel des Stücks »Terrain vague« verspricht eine »temporäre Situation«. Der in Köln lebende Komponist Roman Pfeifer schafft so aller Voraussicht nach mit seiner Komposition einen Möglichkeitsraum in der Tradition des Musiktheaters von Mauricio Kagel oder Gerhard E. Winkler. Es setzt mehr oder minder flexible Klang- und Tanzmodule, die auf die Um--gebung (und damit das Publikum) reagieren können, Gerüst bieten u.a. die automatisierten Instrumente. Selbstverständlich steht es damit unter Einfluss des unvermeidlichen John Cage, wie immer, wenn ein Kunstwerk frei atmet und die Offenheit einer Situation kon-serviert. Das Stück sei, so steht es in der Ankündigung, »wie eine Stadt: Menschen bewegen sich, verweilen, schaffen sich in der vorgegebenen Struktur ihr eigenes Ambiente«. Letztlich ist »Terrain vague« ein Laboratorium für die Stadtbewohner, die das Zusammenleben und -wirken selbst gestalten können — wenn sie denn nur wollen. 

 

 

 

 

Musik der Zeit: Gerhard Stäbler

 

Wie sich psychologische Widerstände und Umweltkrach in Form einer nächtlichen Ruhestörung zu einer klassischen Komposition for-mieren — das lässt sich bei Gerhard Stäbler nachvollziehen. »Zuerst war ich verärgert, weil er wahnsinnigen Lärm von sich gab, der sich direkt in meinen Kopf bohrte.« Stäblers Schilderung bezieht sich auf einen Müllwagen, den er nachts in San Francisco belauschte: »Es waren Klän-ge, äußerst klar konturiert, und immer von ziemlicher Dauer: Geräusche vom hydraulischen Auffahren und Aufklappen der hin-teren Luke und dann, während das Fahrzeug offen war, der Sound einer — meist erschreckend reinen — großen Terz, die plötzlich in ganz tiefe Frequenzbereiche zusammensackte.« Stäblers Arbei-ten beschäftigen sich auch mit der gesellschaftlichen Realität in ihrer politischen Dimension — er verarbeitete etwa NSU-Prozess oder Migrationsdebatte. In »Den Müllfahrern von San Francisco« baute er Teile des Gedichtes »America« von Allen Ginsberg aus dem Jahr 1956 ein. In dem heißt es unmissverständlich zeitlos: »America when will we end the human war? Go fuck yourself with your atom bomb.« Der WDR--Abend »Musik der Zeit« bringt zu-dem Kompositionen von Georges Aperghis und Christophe Bertrand.

 

 

 

 

Georges Aperghis: Récitations

 

Im Urlaub, in der Straßenbahn oder im Freibad: Oft finden wir uns in Situationen wieder, wo wir ohne ein Wort zu verstehen ein intuitives Verständnis derselben entwickeln. Gesten, Intonationsweisen, Mimik, Lautmalerei: Die sogenannte non-verbale Kommunikation bietet ein breites Spektrum an Möglichkeiten, wie man sich mit Hand und Fuß verständlich machen kann. Und, auch das kennt man aus eigener Erfahrung, wenn man nichts versteht, achtet man automatisch mehr auf die Form des Gesagten, hört plötzlich die Musikalität eines (meist unfrei-willig) belauschten Gespräches. Aus diesem Fundus schöpft Georges Aperghis bei seinen 1978 entstandenen 14 Rezitationen, die auf Silbenkonstruktionen ba-sie-ren und dabei »kleine Geschich--ten« erzählen. Auch wenn Aperghis seine »Récitations« bevorzugt puris-tisch interpretiert sieht, wer-den sie (und eine Reihe anderer Stücke aus seiner Feder) hier durch die getanzten Auslegungen der Schüler und Schülerinnen der Kölner Kaiserin-Augusta-Schule gewinnen. 

 

 

 

 

Peter Eötvös: Alle vittime senza nome

 

Der ungarische Komponist Peter Eötvös hat 2016 ein Stück geschrie-ben, dessen Titel eine Widmung ist. »Alle vittime senza nome«, den namenlosen Opfern, ist sein Werk gewidmet, konkret den Menschen, die, in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft, im Mittelmeer ertrunken sind. Und weiterhin ertrinken. »Während des Komponierens sah ich die ergreifenden Bilder«, erklärte Eötvös in einem Interview, »sowohl die Gesichter von einzelnen Per-so-nen als auch die unvorstellbare Masse von dicht im Boot stehenden Menschen«. Der volle Orchesterkörper tönt bereits nach wenigen Takten. Eötvös hat mit »Alle vittime senza nome«  keine besinnliche Trauermesse geschrieben. Man mag in seiner Klage um die Toten auch eine Anklage an ein Europa hören, das zu lange die Augen verschlossen hat und immer noch verschließt. 2016 brachte Eötvös sein Stück selbst an der Mailänder Scala zur Uraufführung. Die symbolische Wirkung seiner Geste mag begrenzt sein, doch man darf sie auch nicht unterschätzen. 

 

 

 

 

 

Tony Allen, Jeff Mills

 

Tony Allen, als Schlagzeuger der Afrobeat-Großmeister schlechthin und Architekt der Africa-70-Kombo von Fela Kuti, ist trotz seines Alters (der Mann geht stramm auf die 80) immer noch eine Erscheinung. Stoisch und mit federndem Gestus bearbeitet er sein minimalistisches Drumset, spielt dabei kaum merklich beide Pedale, die Sticks in seinen Händen sind ständig in Bewegung. Ohne viel Aufsehen entsteht ein hochkomplexer, zwingender Beat. Repetitive Klangmuster liegen dem motorischen Afrobeat zu Grunde, der wiederum Blaupause und grund-legende Matrix der loopbasierten Musik liefert. In den letzten Jahren hat Allen bereits mit Protagonisten der Technoszene zusammengearbeitet, etwa als Teil des Moritz-von-Oswald-Trios. Dass auch die ernst-haften Versuche, Jazz mit Techno/House zu verbinden, min-des-tens in den schwachen Momenten ein Kaffeehaus-Feeling umspült, ist bei der Paarung Allen/Jeff Mills anders. Der hyperaktive Detroiter Cutup-Techno von Mills lässt wenig Raum für Gediegenes, Allen gelingt es, der Maschine Leben einzuhauchen. Allein der (nur ver-steckt angekündigte) Jean-Phi Dary, der bereits im Jahr 2000 mit Allen zusammengearbeitet hat, und im Trio die Keyboards bedient, schickt mitunter harmonisierende Flächen in den Mix. 

 

 

 

 


Von: Bastian Tebarth
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