StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 5.2019

Kategorie: Film
Stichwort: 12 x Filme von Frauen

Ein sehr weites Feld

Die Filmreihe »12 × Filme von Frauen« gibt einen Überblick

über 30 Jahre deutsch-deutsches Filmschaffen von Frauen


Weiblicher Widerstandsgeist: »Die Taube auf dem Dach«

Die Retrospektive der diesjährigen Berlinale war deutschen Regisseurinnen und ihren Filmen in den Jahren von 1966 bis zur Jahrtausendwende gewidmet.  Eine Phase, in der es laut der Veranstalter erstmals »selbstverständlich wurde oder war, dass Frauen Filme machten«. Im Westen war die Gründung der ersten Filmhochschulen ein Anstoß für diese Entwicklung. Im DEFA-Studiosystem der DDR durften die Regisseurinnen erstmals neben kurzen Dokus und Kinder­filmen auch Spielfilme für Erwachsene drehen.

 


Dabei ist der Titel der Retrospektive »Selbstbestimmt — Perspek­tiven von Filmemacherinnen« euphemistisch. Denn die Abhängig­keiten waren in beiden Ländern, wenn auch auf unterschiedliche Weise, weitaus größer als die künstlerische Autonomie. Es liegt auf der Hand, dass drei Jahrzehnte weibliches Filmemachen in zwei Ländern ein sehr weites Feld umfassen. Und so wichtig es ist, Frauen in Filmberufen nach vorne zu bringen, so wenig ist das Geschlecht allein heute noch ausreichendes inhaltliches Orientierungsmerkmal. Es ist zu hoffen, dass das Retrospektive-Leiter Rainer Rother seine gender-filmische Aufgabe mit dieser Schau nicht als erfüllt ansieht, sondern in den nächsten Jahren stärker fokussiert das vernachlässigte Territorium weiblichen Filmschaffens zeigt.

 


Zunächst aber setzt sich die Retrospektive über das Jahr fort. Da gibt es neben zwei Büchern eine Doppel-DVD mit zehn Lang- und Kurzfilmen aus dem Programm. Außerdem wird bis Februar 2020, wenn die Berlinale ihr 70-jähriges Bestehen feiert, monatlich einer der Filme, die für die Retrospektive digital restauriert wurden, von der Deutschen Kinemathek zum vergünstigten Preis verliehen. Zwölf Filme gehen so auf Tournee: von Ula Stoeckls »Neun Leben hat die Katze« aus dem Jahr 1968 bis zu Angela Schanelecs »Das Glück meiner Schwester« von 1995. Zusammen sind es vier Filme aus dem Osten, fünf aus dem Westen und zwei aus der Zeit nach der Wiedervereinigung. Drei Dokumentationen stehen neun Spielfilme gegenüber. Auffällig ist dabei, dass migrantische Stimmen und queere Stoffe ganz fehlen.

 


In Köln haben die Lichtspiele Kalk die Reihe ins Programm aufgenommen. Ende April macht Ingrid Reschkes »Kennen Sie Urban?« von 1971 den Auftakt. Es ist die Ge­schich­te eines jungen ehemaligen Strafgefangenen aus Ostberlin, der ein Tunichtgut ist, aber durch Liebe und Arbeit geheilt wird. Das Drehbuch stammt von Ulrich Plenz­dorf und Regisseurin Reschke, die kurz nach Start des Films verstarb. Dass eine Frau gemeinsam mit dem Schriftsteller das Drehbuch schrieb und auch Regie führte, zeigt allerdings auch, dass dadurch sexistische Stereotype nicht verhindert wurden. Denn während die Kerle bei der Arbeit auf der Baustelle tatkräftig ihren Mann stehen, glänzen die Bauzeichnerinnen des Betriebs hauptsächlich durch ihre Koketterie. Weitere Weiblichkeitsmodelle sind die tüchtige Mutter oder die hilfreiche Gefährtin, die lächelnd Kaffee kochen und Wäsche waschen.

 


Mehr weiblichen Widerstandsgeist gibt es in dem von Iris Gusner als Autorin und Regisseurin verantworteten »Die Taube auf dem Dach« (1973). Hier geht es um eine Bauleiterin, die ihre Arbeit ernst nimmt und gegen romantische Ansprüche von Kollegen verteidigt. Deren Balzverhalten wird dabei mit feinem Humor registriert. Den Zensurbehörden der DDR war der Blick auf das Arbeitsleben zu negativ und zu impressionistisch. So hat »Die Taube auf dem Dach« auch eine dramatische Geschichte mehrfachen Verlusts. Der ursprüngliche Farbfilm konnte nur in Schwarzweiß wiederhergestellt werden.

 


Im Juni geht es mit »Unter dem Pflaster ist der Strand« (1975) nach Westberlin, wo Helma Sanders-Brahms in einem idealtypischen Westberlin-Film der Zeit den Nach-68er-Blues in einer Zweierbeziehung lebt. Es folgen im Monatstakt dann Filme von Jutta Brückner, Elfi Mikesch, Claudia von Alemann, Evelyn Schmidt, Nina Grosse, Helke Misselwitz, Pia Frankenberg und Angela Schanelec.

 



Die Taube auf dem Dach: Mi 15.5., Lichtspiele Kalk, 18 Uhr. Weitere Infos auf lichtspiele-kalk.de

 

 


Bücher und DVDs zur Retrospektive:
Der Katalog zur Berlinale-Retrospektive versammelt fünf Essays von Wissenschaftlerinnen zu Themen wie »Filmischer Stadtraum und der Blick der Flaneu­rin« oder »Dramaturgie und Erzähl­ästhe­tik in Filmen von Frauen« sowie fünf persönlichere Texte von deutschen Regisseurinnen über jeweils einen Film einer Kollegin: Maren Ade schreibt etwa über Helga Reidemeisters »Von wegen ›Schicksal‹« und Sherry Hormann über May Spils’ »Zur Sache Schätzchen«. Dazu ergänzend ist mit Fokus auf DDR-Filmemacherinnen im gleichen Verlag das Buch erschienen: »Sie. Regisseurinnen der DEFA« mit einer Doppel-DVD mit insgesamt 18 Filmen.

 


Karin Herbst-Meßlinger, Rainer Rother (Hrsg.): Selbstbestimmt — Perspektiven von Filmemacherinnen, Bertz+Fischer, Berlin 2019, 216 S., 25 Euro.

 


Cornelia Klauß, Ralf Schenk (Hrsg.): Sie — Regisseurinnen der DEFA und ihre Filme. 416 S. plus 2 DVDs, Bertz+Fischer, 29 Euro.

 


Deutsche Kinemathek (Hrsg.): Selbst­bestimmt — Perspektiven von Filme­macherinnen, ­absolut medien, 2 DVDs, 19,90 Euro.

 

 

 


Von: Silvia Hallensleben
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