StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 5.2019

Kategorie: Theater
Stichwort: »Crowd«

Eine Menge werden: Crowd


Wie können fünfzehn Leute auf der Bühne beim Tanzen so tun und so wirken, als seien sie viel mehr? Die Tanzperformance von Giselle Vienne aus Straßburg, die Ende April im Tanzhaus NRW in Düsseldorf gastiert, heißt nämlich nicht »Group«, sondern »Crowd«: Menge.

 


Die Choreografin, von Hause aus Philosophin und Puppenspielerin, bereichert seit Jahren hochgeachtet die internationale Tanzszene mit ihren Performances über die Grenzen des Menschlichen. Gehandelt werden ihre Stücke derzeit als das, was man »State of the Art« nennt. 2017 hat sie ein Stück über Jugendkultur machen wollen und den Tänzerinnen und Tänzern für »Crowd« die Aufgabe gestellt, das Gefühl zu entwickeln, sie wären zu hundert oder zweihundert auf der Bühne. »Diese Geister sind immer da, und wir spielen mit ihnen«, erklärt sie diese wundersame Vermehrung. Vielleicht ist das auch der spezielle Griff und Blick einer Figurenspielerin, die nicht nur ­Dingen scheinbares Leben einhauchen kann, sondern auch den Lebenden etwas, das mehr als sie ist, mehr als einzelne Körper.

 


Das befeuert Giselle Vienne, Jahrgang 1976, mit der Musik ihrer eigenen Jugend: dem Techno zu Beginn der 90er Jahre, den sie als Alternativkultur auf Raves in Berlin erlebte; solchen Sound, Detroit-Techno, steuert der Wiener DJ und produzent Peter Rehberg denn auch bei. Eine weitere Grundidee reicht noch weiter in die Vergangenheit, zurück zu Igor Strawinskys »Le sacre du printemps« und wiederum zu dessen Verweis auf Archaisches, Kult, auf ein Fest, verbunden mit dem heutigen Wunsch nach Entgrenzung, Hingabe, Auflösung. Um keine platte Rave-Imitation zu liefern, verzerrt die Choreografin Details der wogenden Menge, bearbeitet sie wie mit Filmschnitttechniken und zerdehnt und zerstückelt so unsere Wahrnehmung von Zeit.

 


Dazu gehört für die Tänzer eine spezielle Arbeit mit der Konzentration, denn statt bei sehr langsamen Bewegungen zu verkrampfen, soll es für sie wie »Loslassen« sein, ein kon­trollierter Kontrollverlust. Sie schweben

»Crowd«, C: Giselle Vienne, 26., 27.4., Tanzhaus NRW im Rahmen der neuen Reihe Groß tanzen, 20 Uhr

 

 


Von: Melanie Suchy
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