StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 5.2019

Kategorie: Theater
Stichwort: Flakon

Körperlose Geburten

Die Tanzperformance Flakon begeistert in der Grotte des Schauspiel Köln


Der Spielort im Vorgarten des Depots wird nicht nur als Höhle, »Grotte«, bespielt, sondern im weiteren Sinne als Gefäß. Tritt man ein, duftet es leicht süßlich aus unbekannter Quel­le. Nicht ganz ein Höllengeruch, aber man weiß ja nie. Und tatsächlich wird es später mal laut rumpeln, als explodiere Gestein. Die Performance »Flakon« des ­Kölner Trios um die Tänzerin und Choreografin Mara Tsironi spielt mit der Bedeutung des Titelbegriffes, den man fast nur für kleine ­Parfüm-Glasgefäße benutzt.

 


Edle Essenzen und zauberhaft unheimliche kommen später in der spielerischen Show vor, der die Zuschauer auf Bierbänken folgen: In Gläschen, mit Trichterchen und Röhrchen, panscht ein Möchtegern­wissenschaftler etwas zusammen auf einem altarartigen Kubus. Flüssigkeit zu Flüssigkeit locker aus dem Handgelenk geschüttet. Denkt man dabei kurz an Goethes »Faust«, bekommt das hässliche, verbeulte, fleischfarben vermummte Wesen, das immer wieder durch den engen Raum tapst, den Namen Homunkulus. Ein Monster, das aber niemanden erschreckt. Überhaupt inszeniert das Team sich und die Objekte samt Live-Video-Einlage und Monitor so wunderbar undramatisch. Als schüttelten sie ihre Ideen aus den Ärmeln, hat »Flakon« den Charme einer Bastelarbeit, der man mit leisem Lächeln folgt und dabei staunt, wie sie stimmig sie insgesamt ist.

 


Denn das Öffnen und Schließen, also der Umgang mit Gefäßen, sowie das Erschaffen von Etwas bis hin zu einer Art körperlosen Geburt fügt die scheinbar disparaten Kurzszenen zusammen. Ein Mund, aus dem Rauch quillt. Eine Tür, in die sich Performer Behrang Karimi stellt, um zu rauchen. Eine Stimme, die keinem der drei Darsteller gehört und die vom Sprechen redet, von Zunge, vom Ende, und »ich will ge­wollt werden, ohne etwas zu verlangen«. Sex ohne Sex, wie Rauch — statt Hautkontakt, wird hier be­schwo­ren. Mara Tsironi lässt in einer durchsichtigen Krinoline ein Bällchen zwischen ihren Beinen pendeln beim Tänzeln. Später verlässt sie diese Hülle und auch ihren Helm, beides bleibt, an einer Schnur oder von den Kollegen gehalten, im Raum hängen: die Schalen. Manche zerbrechen wie Bierflaschen, die auf Pflastersteine gedonnert werden.
Mara Tsironi inszenierte schon in einem kleinen Schaufenster, spä­ter den Blick von einem inoffiziellen Balkon in ein Nachbarhaus und gemeinsam mit dem Schauspieler Behrang Karimi einen Parkours durch eine Garage, einen Hof und in einer Kellernische. Das Unspektakuläre gebiert zauberhafte und surreale Momente.

 


»Flakon«, C: Mara Tsironi, Behrang Karimi, Paul Wiersbinski, Wiederaufnahme im Herbst 2019

 

 

 


Von: Melanie Suchy
«  »Freie Stücke....  Wirklich frei ist niemand» Datensatz 53 von 5875 insgesamt.